78 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Fern im Osten wird es helle,
Braue Zeiten werden jung;
Aus der lichten Farbenquelle
Einen langen, tiefen Trunk!
Aller Sehnsucht heilige Gewährung,
Süße Lieb' in göttlicher Verklärung!
Und nun fallen die schweren Tropen, fällt die Wucht
einer edelsteinüberladenen Poesie: und rein von aller Schlacke,
Kinder Gottes, treten Vers und Inhalt daher:
Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt;
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.
Die Reinheit Hardenbergs wirkt wie die Symbolik jung⸗
fräulicher Keuschheit in unseren Märchen: lilienhaft, eine
Wunderblume, wurde sie nur einmal der Welt geschenkt. Alle
anderen Dichter der Frühromantik stehen ihr gegenüber in der
Reihe; sie werden von literarischen Interessen bewegt; sie ge—
hören dem Diesseits; und so hoch sie steigen mögen in Form
und Gehalt: man vergißt nie ihre persönliche Fühlung mit
Philosophie und Konfession, mit Fichte, Schelling, Schleier⸗
macher, man vergißt nicht ihren Zusammenhang untereinander,
und Friedrich Schlegel mit seinem Bruder August Wilhelm
wie mit Ludwig Tieck erscheinen als Häupter einer Schule wie
als Angehörige eines bestimmten sozialen Kreises.
Dabei werden die höheren dichterischen Interessen wohl
am besten durch den Gegensatz von Friedrich Schlegel und
Tieck umschrieben. Steigt man dabei auf die Höhen und sieht
von allem sehr Menschlichen ab, namentlich allem Sexuellen
und Liebesleidenschaftlichen, das sich oft wunderlich genug
zwischen Romeo und Julia und Mater dolorosa bewegt, so
fordern die besten Gedichte Schlegels das höchste Urteil heraus.