Die Frühromantik.
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Denn ein tiefes Gemüt bricht aus ihnen, wenn auch nicht in
immer völlig klarer Gestaltung des Gedankens, so doch mit
dem Pathos einer hohen Poesie hervor; und dem halb Ele—
gischen, Resignierten vermählt sich eine Feierlichkeit der Form
und eine Kraft der Sprache, der kaum ein Triumph ver—⸗
sagt ist.
Wie nächtlich ungestüm die Wellen wogen,
Bald schwellend liebevoll zum Sternenkranze,
Bald sinkend zu der Tiefe hingezogen,
Sehnsüchtig flutend in dem Wechseltanze,
Bis Morgenrot emporscheint aus den Wogen,
Noch feucht in blumenlichtem Tränenglanze:
So steigen hier der Dichtkunst hohe Strahlen
Aus tiefer Sehnsucht Meer und Wonnequalen.
Freilich, diese Höhe wird nicht immer erreicht; und mit
der Unrast der inneren Empfindung, die sich nur selten im
Strophenbau weit ausgezogener Kantilenen und damit in
philosophischer Durchbildung ergeht, stellt sich auch ein sicht⸗
—D0
Wenn ich still die Augen lenke
Auf die abendliche Stille
Und nur denke, daß ich denke,
Will nicht ruhen mir der Wille,
Bis ich sie in Ruhe senke.
Und so sind es im Grunde doch nur wenige Edelsteine,
die den Grund des poetischen Quells bei Schlegel bedecken,
wenn sich auch selbst auf das Mittelmäßige noch Goethes
Spruch beziehen läßt, daß das Manierierte ein subjektiviertes
Ideelles sei, und ihm so das Geistreiche nicht leicht fehle.
Tieck jedenfalls bezeichnet gegenüber Friedrich Schlegel einen
entschiedenen Rückgang. Gewiß denkt auch ihm Liebe in süßen
Tönen, denn Gedanken stehn zu fern; aber das tiefe träume—
rische Sehnen der Großen der Frühromantik weicht bei ihm
nur zu häufig gemachter Empfindung; das Pathos wird hohl,
unplastisch, stammelnd: und der schlimmste Feind alles Hohen
dieser Frühzeit erscheint, das Triviale.