30 vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Verworrenes Leben,
Was ist dir gegeben? —
Erinnern und Hoffen
Zur Qual und zur Lust —
Ach! ihnen bleibt offen
Die zitternde Brust.
Da erscheinen denn noch die einfachen, goldumränderten
und durch stille Versenkung geadelten Naturschilderungen, die
sich nicht selten bei Tieck finden, als Perlen: es ist wie ein
letzter verglimmender, verglommener Abglanz der frühen Ro—
mantik:
Seht die Wasser, wie sie gleiten,
Und sich in der Flut die Bäume
Still beschauen; goldne Träume
Seh' ich durch die Wolken schreiten.
Bis zum Schlusse aber bleibt der Periode der Hang zur
Selbstbeschauung und die Verdichtung des inneren Erlebnisses
zum Vers nicht ohne Bespiegelung. Es ist bereits eine Poesie
der Mischgefühlen; es sind schon die Anfänge zu jener Trennung
des Subjekts in ein leidendes und zugleich beobachtendes, die
nachmals in der Romantik der zweiten Periode des Subjekti⸗
vismus so stark hervorgetreten ist: doch geben sie sich freilich
noch halb naiv, verschleiert, in den schüchtern-urbanen Formen
gleichsam einer noch vorsichtig tastenden neuen Welt.
1 Zur Scholastik der Mischgefühle vgl. noch die charakteristische Stelle
Athenaeum J1, 2, S. 14: Naiv ist, was bis zur Ironie oder bis zum
steten Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung natürlich, in⸗
dividuell oder klassisch ist oder scheint. Ist es bloß Instinkt, so ist's kind⸗
lich, tindisch oder albern; ist's bloß Absicht, so entsteht Affektation. Das
schöne, poetische, idealische Naive muß zugleich Absicht und Instinkt sein.
Das Wesen der Absicht in diesem Sinne ist die Freiheit. Bewußtsein ist
noch bei weitem nicht Absicht. Es gibt ein gewisses verliebtes Anschauen
eigener Natürlichkeit oder Albernheit, das selbst unsäglich albern ist. Absicht
erfordert nicht gerade einen tiefen Kalkul oder Plan. Auch das homerische
Naive ist nicht bloß Instinkt: es ist wenigstens so viel Absicht darin, wie
in der Anmut lieblicher Kinder oder unschuldiger Mädchen. Wenn er auch
keine Absichten hatte, so hatte doch seine Poesie und die eigentliche Ver—
fasserin derselben, die Natur, Absicht.