Die Frühromantik.
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beinahe in jedem Betracht eine besonders frühromantische
Schöpfung.
Muß nun noch betont werden, daß diese beiden Strömungen
Reflexe sind der fortschreitenden Bildung der Persönlichkeit
innerhalb des Subjektivismus? Empfindsamkeit und Sturm
und Drang durchwebten alle zeitlichen und räumlichen Weiten
des Nationalen; von daher haben sie auch schon Anfänge einer
neuen Vaterlandsliebe und eines neuen Staatsideals ent—
wickelt!: die Persönlichkeiten ihrer Zeit gingen in diesen An—
fängen auf, um sich, so verschieden sie sonst sein mochten, in
diesem Bereiche zu treffen: es ist die Periode der Klopstock
Möser, Pestalozzi. Allein nun hatte sich, mit der höchsten
Vollendung des Subjektivismus in seiner ersten Periode, eine
neue Erweiterung und Vertiefung zugleich des Gemeinschafts—
sinnes eingestellt: nicht mehr bloß in enthusiastischer Vater—
landsliebe, auch in mystischem Universalismus, ja in ihm vor—
nehmlich ergaben sich die neuen Seelen dem Ganzen der Erde
und der Welt; kosmische Stimmungen zogen herauf, mit dem
Weltall identifizierte sich eine allumfassende Symbolik, um es
zu beherrschen und sich zugleich daran zu verlieren; und
eine Rettung schon bedeutete es, wenn der einzelne aus diesen
unermeßbaren Weiten heimkehrte in das universalste Vaterhaus
dieser Welt, das Haus des Christenhimmels mit seinen mancherlei
Wohnungen.
Dabei verstand sich, daß der neue, zunächst mystische, dann
auch christliche Universalismus den älteren nationalen Historis—
mus und bald auch Regionalismus sehr wohl in sich auf—
nehmen konnte: dieser wurde zu einem Teil von ihm — blieb
freilich auch zunächst eben ein Teil —; und mit herzlicher
Freude konnte darum Friedrich Schlegel, der Herold und
Vorkämpfer der Frühromantik, die Sänger der Vorzeit be—
grüßen.
Allein das hat keineswegs zur Folge gehabt, daß beide
Strömungen nun nicht noch lange, ja im Grunde auf immer
Vgl. Band IX S. 21 ff.