Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 449 
können. Natürlich herrschte darüber Empörung im Heere, beim 
Adel, vor allem beim Kaiser. Aber unter der Einwirkung der 
liberalen Regierung hatte man darüber hinaus sogar auch noch 
mit der Unzufriedenheit des Klerus zu rechnen: schon längst 
war er dem neuen Regime wegen angeblicher Begünstigung der 
Protestanten sowie wegen geringschätziger Behandlung der päpst⸗ 
lichen Enzyklika und des Syllabus von 1864 feindlich. Und 
wenn sich die Regierung demgegenüber nun wenigstens noch auf 
ihre eigene Partei, die der Liberalen, hätte verlassen können! 
Aber auch dieser war sie wegen ihrer bureaukratischen Haltung 
und Pedanterie mißliebig. So kam es denn schließlich zu einem 
völligen Systemwechsel; alle Minister mit Ausnahme des Kriegs⸗ 
ministers und des Grafen Mensdorff erhielten Ende Juni 1865 
den Abschied; und an die Stelle trat ein Ministerium des 
Grafen Belcredi, das absolutistisch, im Metternichschen Sinne, 
regieren sollte. Damit stand man also beim Eintreffen des 
preußischen Ultimatums vor einer völlig unsicheren inneren Zu— 
kunft, die sogar etwas wie einen Staatsstreich bringen konnte, 
zugleich aber vor völlig sicherem und gegenwärtigem Ruin der 
Finanzen. 
Da blieb denn freilich nichts übrig, als klein beizugeben. 
Unter diesen Umständen kam es zum Abschluß des Ver⸗ 
trages von Gastein, am 14. August 1865. Nach ihm wurde 
an der Souveränetät der beiden deutschen Großmächte in 
Schleswig⸗Holstein festgehalten, aber die Verwaltung sollte ge⸗ 
teilt werden. sterreich übernahm provisorisch die von Hol⸗ 
stein, Preußen die von Schleswig; Lauenburg wurde von Oster⸗ 
reich endgültig gegen zweiundeinhalb Millionen dänische Taler an 
Preußen abgetreten und trat mit diesem in Personalunion. 
Rendsburg wurde Bundesfestung, Kiel Bundeshafen unter 
preußischem Oberbefehl. Endlich erhielt Preußen eine Etappen⸗ 
straße, eine Post- und eine Telegraphenlinie durch Holstein hin⸗ 
zurch nach Schleswig. Am 20. August trafen König Wilhelm 
und Kaiser Franz Joseph in Salzburg zusammen und ratifizierten 
feierlich diesen Vertrag. 
Der diplomatischen Welt erschien der Vertrag als Triumph
	        
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