Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

180.FSunfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
der preußischen Politik; König Wilhelm erhob den Herrn von 
Bismarck in den Grafenstand. Bismarck selbst dachte anders. 
Er hielt den Vertrag für nichts als eine „Verklebung der Risse 
im Bau“, und nur die ungünstige auswärtige Lage, die Un— 
zuverlässigkeit Napoleons, die Unentschlossenheit der italienischen 
Regierung, die er wegen eines Bündnisses gegen Osterreich an⸗ 
gegangen hatte, und die Parteinahme der deutschen Mittelstaaten 
zegen Preußen hielten ihn von energischeren Forderungen ab. 
In den deutsch-nationalen Kreisen aber war man empört 
üͤber diese Schacherpolitik der deutschen Großmächte und die 
angebliche Zerreißung der up ewig ungedeelten Lande. Der 
Nationalverein der Liberalen, die süddeutsche Volkspartei der 
Demokraten, der großdeutsch-ultramontane Reformverein: sie 
alle protestierten. Nur in Preußen selber fingen die Gedanken 
mancher, auch der erbittertsten Gegner Bismarcks, an, einen 
etwas anderen Zug zu nehmen: sie lehnten es ab, sich die Ge— 
sinnungsäußerungen der Süd- und Mitteldeutschen zu eigen zu 
machen. Und in den politisch erleuchteten Kreisen begann man 
sogar allmählich die diplomatische und staatsmännische Größe 
des preußischen Ministers zu ahnen: die namhaftesten Historiker, 
Ranke, Droysen, Sybel, Duncker, selbst Mommsen, bekannten 
sich zu seinem Programm. Und klar war auch, daß die groß⸗ 
deutsche Partei durch die nun geschaffene Lage einen ersten, 
kaum zu verwindenden Schlag erhielt, kurz nach der Niederlage 
des deutschen Zentralismus in Hsterreich infolge der Entlassung 
Schmerlings. 
Uber den Vertrag von Gastein aber hat später der General 
hon Manteuffel geschrieben: „Bei der Gasteiner Konvention war 
die Ansicht, in drei Monaten müsse man klar sehen, ob Oster— 
reich es ehrlich mit Preußen meine; wenn es nicht geschähe, 
so würde Krieg erfolgen, unter Abschluß sonst unliebsamer 
Allianzen.“ 
Das war allerdings die Meinung in Berlin. Bismarck 
sah voraus, daß auch die neue Auseinandersetzung wegen 
Schleswig ⸗Holstein auf die Dauer schwerlich von Erfolg sein 
verde; und er faßte sehr bald den Krieg mit Osterreich —
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.