54 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
In dieser Not wandte sich Italien nun dennoch wiederum
wegen der römischen Frage an Napoleon; Mai 1864. Napoleon
war um diese Zeit schon nicht mehr völlig auf der Höhe seiner
Macht, denn deren Zenith fiel etwa in das Jahr 1868. Bis
dahin war ihm alles Wichtigere gelungen: der Staatsstreich, der
Krimkrieg, die Schöpfung des nationalen rumänischen Staates,
die Entwicklung Italiens bis zum Ausgange etwa der fünfziger
Jahre und die Erwerbung von Nizza und Savoyen für Frank⸗
reich: es war eine fortschreitende Reihe von Erfolgen. Aber
aun trat eine umgekehrte Folge hervor. In Europa wurde es
schwer, den Emanzipationsgedanken der Nationalitäten über⸗
—E Frankreichs, zu fördern:
Italien versagte, und ein Einspruch beim Zaren zugunsten
der revolutionierenden Polen im Jahre 1863 führte zu einer
diplomatischen Schlappe. Schlimmer noch war die Niederlage
in Mexiko. Am bedenklichsten aber blieb doch das Nachlassen
der eigenen persönlichen Kraft des Kaisers. Ein zunehmendes
deiden lähmte die Energie seiner Entschlüsse, entführte den früh
alternden Mann immer mehr mitten in ein Reich politischer
Phantasien, das er von jeher zu streifen geliebt hatte, und unter⸗
warf ihn immer häufiger dem Einflusse einer Gemahlin, bei
der sich aus früheren Lebenserfahrungen ein Zug der Bigotterie
entwickelt hatte. Es sind Wandlungen, die für den autonomen
Abschluß der mitteleuropäischen Nationalitätsbewegungen, der
ttalienischen wie der deutschen, eben zu rechter Zeit eintraten
und, will man deren glücklichen Ausgang verstehen, nicht un⸗
vergessen bleiben dürfen. Jetzt, im Jahre 1864, kamen sie zu⸗
nächst den italienischen Dingen zugute. Napoleon, der sich in
der systematischen Abneigung seiner guten und kräftigen Zeit
gegen Osterreich im Frühjahr 1864 noch einmal bestärkte, er—
Lärte sich in der römischen Frage Italien gegenüber zu Unter⸗
handlungen bereit. Das Ergebnis war ein Vertrag vom
i. September 1864, wonach die Franzosen im Jahre 1866
Rom räumen sollten und der Papst das eigentliche Patrimonium
Petri mit Rom als unantastbare Herrschaft behielt. Als
Garantie für ein auf ewig päpstliches Rom sollte die Haupt⸗