Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 459 
gierungen in einem Rundschreiben, das Osterreich nebenher vor⸗ 
warf, durch Truppenansammlungen in Böhmen auf die Wieder⸗ 
herbeiführung der Situation von 1850 bedacht zu sein, den 
Plan einer großen Bundesreform an, nachdem er schon im 
Februar Bayern darüber unterrichtet hatte und auch des Wohl— 
wollens Napoleons dafür versichert war. Dann brachte der 
preußische Bundestagsgesandte von Savigny am 9. April beim 
Bunde den Antrag ein, ein deutsches Parlament aus all— 
gemeiner direkter Volkswahl zu berufen. Der Bundestag solle 
alsbald den Tag des Zusammentrittes der Nationalversammlung 
bestimmen. Die Regierungen aber hätten sich zuvor über die 
neue Verfassung Deutschlands zu verständigen; das Grund— 
gesetz wäre dem Parlament zur Bexatung vorzulegen. Die Ver⸗ 
blüffung, die dieser Antrag hervorrief, war allgemein. Der 
preußische Junker Bismarck will das demokratische Wahlrecht 
von 1848 einführen! Im Auslande sah man das für Wahn— 
sinn an, im Inland witterten Liberale wie Konservative, Niedrige 
wie Hochgeborene, unter diesen der preußische Kronprinz, allerlei 
Hintergedanken: niemand fast glaubte an die Aufrichtigkeit des 
Antrags. Nur in der zweiten badischen Kammer wurde ein 
Preußen günstiger Beschluß gefaßt. Und wenigstens ein erprobter 
Demokrat, Ziegler, der ehemalige Oberbürgermeister von Branden— 
burg, schlug sich, zum Erstaunen der Liberalen, auf die Seite 
Bismarcks. Ziegler hat freilich auch die politische Bedeutung 
dasscilles rechtzeitig einzuschätzen gewußt. 
Und doch war der Antrag, wie die Folgeereignisse gezeigt 
haben, von seiten Bismarcks durchaus aufrichtig gemeint. Sucht 
man die Erklärung für diese den Zeitgenossen zunächst völlig 
unbegreiflich vorkommende Tatsache, so gelangt man allerdings 
zu fundamentalen und darum verborgen liegenden Tatsachen des 
versönlichen Charakters Bismarcks wie des allgemeinen Wesens 
der Zeit. 
Es ist schon öfters davon die Rede gewesen und eingehend 
begründet worden, wie dies Wesen, aus den allgemeinen Voraus— 
setzungen des Subjektivismus heraus, politisch zu dem, was 
man heute demokratische Institutionen nennt, und damit ganz 
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