160 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
an erster Stelle zum allgemeinen und zunächst auch gleichen
Wahlrecht führen mußte. Allein eben dieser Demokratismus,
der in seiner radikalen Durchbildung an den Anfängen des
neuen Zeitalters ebenso stand wie der radikale Liberalismus
zu den Anfängen des vorhergehenden, trug in sich ein not—
wendiges Korrektiv in Strömungen und Einrichtungen, die wir
heute als Imperialismus bezeichnen. In diesem Sinne war
Napoleon III. dem ausgebildeten Demokratismus Frankreichs
zum ersten Male entgegengetreten in zahlreichen Maßregeln seiner
Regierung, die schon damals spezifisch imperialistisch genannt
wurden, bis zur Ausnützung eben dieses Demokratismus im
Plebiszit: es ist mit die lehrreichste und zugleich die modernste
Seite seiner Regierung.
Bismarck hatte nun in seinem Charakter Züge, die ihm
Demokratismus wie Imperialismus in gleicher Weise zu ver—
tehen gestatteten: sie waren vornehmlich in dem exzentrischen
Wesen seiner Willenstätigkeit gegeben. Es ist eine Seite seines
Naturells, die, soweit der Demokratismus in Betracht kommt,
»on seinem geistig unebenbürtigen Gegner Rechberg einmal über⸗
reibend in dem Satze zum Ausdruck gebracht worden ist:
„Gibt es in Berlin einen Ministerwechsel, so kommt der schreck—
liche Bismarck an die Reihe, ein Mensch, der imstande ist, den
Rock auszuziehen und selbst auf die Barrikade zu treten.“ In
der Tat scheute Bismarck von diesem Zuge seines Wesens aus
nicht vor dem Verkehr mit Männern zurück, die andere Leute
revolutionär nannten; am bekanntesten sind seine Beziehungen zu
dassalle geworden; er hat aber vom Tage seines Amtsantritts auch
mit den ungarischen Revolutionären, mit ihnen freilich zunächst
us Gründen der äußeren Politik, in Verbindung gestanden.
Allein diese Veranlagung erlaubte Bismarck eine ebenso auf—⸗
richtige, man möchte fast sagen sorglose Schätzung der radikal⸗
konservativen Elemente: was auf dem Gebiete des modernen
Demokratismus imperialistische Neigungen ergeben mußte. In
der Tat klingen diese nun, in der unter den deutschen Ver⸗
hältnissen der sechziger Jahre möglichen Lauterkeit und Klang⸗
farbe häufig genug in Bismarcks Motivierung der Maßregel