Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 465
ladung zum Kongreß nur an unter der schon von den neutralen
Mächten abgelehnten Bedingung, daß der Papst an ihm zu—
gelassen werde, und unter der zweiten Bedingung, daß auf dem
Kongreß von keinem Gebietszuwachs der streitenden Mächte die
Rede sein dürfe. Das war so gut wie Ablehnung: der fran—
zösische Gedanke war ins Wasser gefallen und damit wenigstens
einstweilen zugleich jede Beeinflussung der kommenden Dinge
seitens der großen Mächte beseitigt.
Allein es war für Napoleon charakteristisch, daß er gleich—
wohl nicht von weiteren Versuchen, Frankreich Gebietserweite⸗
rungen zu verschaffen, abließ. Er knüpfte jetzt wieder an erster
Stelle mit Osterreich an, um sich in dem nunmehr unvermeid⸗
lichen Kriege Vorteile zu sichern. Ein Gleiches versuchte er aber
auch bei Preußen. Indes hier ganz ohne Erfolg. Doch schien
ihm das auch nicht so nötig, denn nach den Berichten seiner
Generäle war er von dem Eintritte einer preußischen Nieder⸗
lage vollkommen überzeugt.
Anders gegenüber Ästerreich. Mit ihm brachte er es am
12. Juni zum Abschlusse eines Vertrages, in dem Hsterreich,
soweit Deutschland in Betracht kam, zusagte, keine politischen
oder Gebietsveränderungen ohne die Zustimmung Frankreichs
oorzunehmen. Und damit war denn ausgesprochen, daß, wenn
sterreich Eroberungen, etwa die Schlesiens, machen würde,
Frankreich es erlaubt sein werde, sich gleichfalls einen Anteil an
der Beute, z. B. etwa Teile der Rheinlande, auszusuchen. Des
weiteren aber wurde dem Papste in diesem Vertrage nicht bloß
der bestehende Territorialbesitz verbürgt, Frankreich willigte auch
ein, daß er unter Umständen die ihm im Verlaufe der italienischen
Einheitsbewegung entrissenen Provinzen, die Marken und die
Legationen, zurückerhalten sollte. Es war ein Vertrag, den später
Beust, da er als österreichischer Reichskanzler seinen Wortlaut
kennen lernte, als das unglaublichste Aktenstück bezeichnet hat,
das ihm je vorgekommen sei.
Napoleon aber war über den Abschluß dieses Vertrages
so glücklich, und er glaubte das linke Rheinufer so fest in
dänden zu haben, daß er in Form eines kaiserlichen Schreibens