Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 467 
Versuchen, die beiden Großmächte zu friedlicher Auseinander⸗ 
setzung zu vermögen. Von ihnen ist der des Barons von Gablenz, 
eines Bruders des österreichischen Generals, der interessanteste, 
da er in einem vollen, im Verein mit Bismarck in den Tagen 
zwischen dem 18. und 20. Mai ausgearbeiteten Verfassungs⸗ 
entwurf für Deutschland gipfelte. Danach sollte Schleswig⸗ 
Holstein nach Osterreichs Wunsche ein selbständiges Herzogtum 
bleiben, doch mit einem Hohenzoller als Souverän; im übrigen 
sollten zwei Bundesreiche des Südens und Nordens unter öster⸗ 
reichischer und preußischer militärischer Führung, doch im engsten 
Verbande miteinander gebildet werden und sich gegenseitig ihren 
Besitzstand — mithin also auch den italienischen Besitz Oster⸗ 
reichs — verbürgen. Zur Krönung des Planes aber schlug 
Bismarck in Wien vor: „daß wir, schlagfertig wie wir waren, 
uns gemeinsam gegen Frankreich wenden sollten, in der Absicht, 
es zur Herausgabe des Elsaß zu zwingen. Hsterreich könnte 
dann Straßburg nehmen, Preußen Mainz behalten.“ 
Gablenz trug diese Vorschläge am 25. Mai dem Kaiser 
Franz Joseph in fünfpviertelstündiger Audienz vor. Und fast 
konnte es scheinen, mit Erfolg: nicht ungnädig wurde er ent— 
lassen. Doch am 28. Mai erging nach Berlin die Antwort, 
daß das Wiener Kabinett die Verhandlung über die Gablenzschen 
Anträge ablehne. 
An demselben 28. Mai aber brachte Osterreich die Frage 
der schleswig-holsteinschen Herzogtümer an den Bundestag und 
zeigte an, der Statthalter von Gablenz habe Befehl zur Ein⸗ 
berufung der holsteinschen Stände. 
Es war nach allem Früheren so gut wie der Kriegsfall. 
Denn noch bestand der Vertrag vom 16. Januar 1864 zwischen 
heiden deutschen Großmächten zu Recht, wonach beide nur 
zemeinsam über die Herzogtümer zu verfügen hatten. Bismarck 
erklärte das Deutschland und Europa in einem Rundschreiben 
vom 4. Juni, das zugleich die allgemeinere Seite aller Differenzen 
hervorhob; und bald darauf, am 10. Juni, forderte er die 
deutschen Regierungen nochmals zu einer Bundesreform auf. 
Indes gelang es ihm nicht mehr, den Kriegsfall von der
	        
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