Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 481 
Grund des Wortlautes des österreichisch-französischen Vertrages 
vom 12. Juni: wie anders freilich war dessen eigentliche, nach 
Niederwerfung Preußens zu realisierende Absicht gewesen! Jetzt 
war die Meinung Ästerreichs, bei diesem Schritte Italien los 
zu werden, um sich ganz auf Preußen stürzen zu können. Es 
lag das um so näher, als Italien in der Kriegführung bisher 
sehr lau verfahren und schließlich am 24. Juni bei Custozza 
gruündlich besiegt worden war. 
Napoleon wurde, bei seiner Unentschlossenheit, durch die 
osterreichische Politik in arge Verlegenheit gesetzt. Ablehnen 
konnte er das Anerbieten nicht: es wäre ein völliger Bruch des 
Vertrages vom 12. Juni gewesen. So beschritt er einen Mittel⸗ 
weg, der zugleich seine angebliche Überlegenheit über beide 
Gegner zeigen sollte. Er beschloß, als selbständiger Vermittler 
aufzutreten. Ein stolzer Artikel im Moniteur vom 5. Juli ver⸗ 
kündete diese Politik; er rief zugleich bei den Franzosen einen 
Sturm der Begeisterung wach: Paris flaggte und illuminierte. 
Allein bald zeigte sich, daß das übernommene Amt nicht 
leicht war. Italien, das durch sein Bündnis mit Preußen ver⸗ 
pflichtet war, erst mit diesem gemeinsam Waffenstillstand und 
Frieden zu schließen, lehnte einseitige Verhandlung und ein⸗ 
seitigen Friedensschluß mit Osterreich auf Grund der Übergabe 
von Venetien ab: ja, noch mehr, es begann eben jetzt etwas 
energischer vorzugehen und die venetianische Grenze zu über⸗ 
schreiten. Preußen wies zwar Napoleons Angebot nicht ohne 
weiteres ab, aber es behandelte die ganze Sache dilatorisch, um 
inzwischen durch energischen Vormarsch gegen Wien fertige Tat— 
sachen zu schaffen. 
So kam denn Napoleon in seiner Vermittlung nicht weiter, 
zumal alle europäischen Mächte dabei Hintergedanken vermuteten 
und sich zurückzogen. Nur wenige Tage dauerte es auf diese 
Weise, und Napoleon sah sich in einer bedauernswerten Lage und 
in Empfindungen, die in „patriotischen Beklemmungen“ der 
französischen Presse auch nach außen drangen. In dieser Ver⸗ 
stimmung empfing er am 11. Juli den preußischen Gesandten 
Goltz. Er war, nach dessen Bericht, erschüttert, ja fast gebrochen.
	        
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