Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 509 
handlungen in Berlin ein und vereinbarte mit ihnen am 3. und 
4. Juni einen Präliminarvertrag, dem am 8. Juli der volle 
Abschluß folgte. Dieser neue Vertrag sollte auf zwölf Jahre 
gelten und ewig dauern, falls er nicht vor Ablauf des zehnten 
Jahres gekündigt würde. Nach ihm wurde der Zollverein er— 
aeuert, aber gekrönt durch eine Zollverfassung, die in Wirtschafts⸗ 
fragen hinweg über alle Gedaͤnken eines Südbundes das ein⸗ 
heitliche Deutschland herstellte. Dem Norddeutschen Bundesrat 
wurden für die Gesetzgebung über das Zollwesen Vertreter der 
süddeutschen Staaten, Bayern mit sechs, Württemberg mit 
vier, Baden und Hessen mit je drei Stimmen, zugefügt: er 
wurde also für die Zollsachen zu einem Deutschen Bundesrat 
erweitert. In gleicher Weise traten für die Beratung in Zoll⸗ 
sachen dem norddeutschen Reichstage süddeutsche Abgeordnete 
bei, die ganz nach den Grundsätzen der norddeutschen Ab— 
geordnetenwahl gewählt wurden: für diese Dinge erweiterte sich 
aͤlso der norddeutsche Reichstag zum deutschen Reichstag. 
Damit war außer in Militärfragen auch auf dem wirt— 
schaftlichen Gebiete die Einheit Deutschlands erreicht, trotz der 
Mainlinie des Prager Friedens. 
Da mußte es sich denn schon fragen, inwiefern die Süd⸗ 
deutschen, nachdem der Südbund an der Abneigung Badens 
und Württembergs wie an dem Zwischengreifen der Zollvereins⸗ 
oerhandlungen gescheitert war, überhaupt geneigt waren, in 
den Nordbund aufzugehen. Und eine deutliche Übersicht über 
die Lage in dieser Hinsicht mußten die Wahlen und Verhand⸗ 
lungen des Zollparlaments geben. 
Die ersten Wahlen für das Zollparlament fanden am 
18. Februar 1868 statt. In Baden wurden sechs Klerikale ge⸗ 
wählt und acht Nationale. In Württemberg waren alle siebzehn 
Gewählten oppositionell⸗ demokratisch⸗ großdeutsch. In Bayern 
wurden fünfundzwanzig Partikularisten gewählt, wovon vier⸗ 
undzwanzig klerikal, dazu zwölf Nationale und sechs Mitglieder 
des bayerischen Zentrums. 
Das war ein keineswegs günstiges Resultat. Neben dem 
großdeutsch⸗- demokratischen Element kündigte sich vernehmlich
	        
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