Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

512 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
wurde. Die Antwort war ein Gesetzentwurf, der die Schul—⸗ 
inspektion an Laien übertrug. Er ging im Landtag am 
23. Februar 18609 mit hundertvierzehn gegen sechsundzwanzig 
Stimmen durch. Aber der Reichsrat veränderte die Vorlage 
so, daß sie, an den Landtag zurückgelangt, dessen Billigung 
nicht fand. 
Nun übertrug Hohenlohe den Kampf auf das internationale 
Gebiet. Am 9. April 1869 erließ er an die bayerischen Ge— 
sandten eine Note, in der auf die politische Tragweite der 
längst bekannten Absichten der Kurie hingewiesen wurde, das 
Dogma der Unfehlbarkeit erklären zu lassen. Allein auch hier 
scheiterte er insofern, als sich die Mächte, von anderen Sorgen 
bedrängt, dieser Frage nicht annahmen. 
Unter diesen Umständen fanden, am 22. Mai 1869, die 
bayerischen Landtagswahlen statt. Das Ergebnis waren neun— 
undsiebzig klerikale, fünfundsiebzig liberale Abgeordnete. Schon 
bei der Präsidentenwahl teilte sich das Haus in zwei Hälften 
von je zweiundsiebzig Stimmen; ein siebenmaliger Wahlgang 
blieb ohne Ergebnis. Darauf wurde die Kammer aufgelöst. 
Die Neuwahlen am 25. November 1869 brachten nunmehr drei— 
undachtzig Klerikale —, Patrioten“ — und einundsiebzig Liberale. 
Jetzt reichte Hohenlohe seine Entlassung ein, aber der König 
perweigerte die Annahme. 
Am 7. Januar 1870 wurde der Landtag eröffnet. Hohen— 
lohe zog mildere Saiten auf, ohne Erfolg. Vor allem auch der 
Reichsrat erwies sich als feindlich. Es kam in ihm zur Be— 
catung einer Adresse an den König, in der unverhohlenes Miß— 
trauen zum Ministerium zum Ausdruck gelangte. Sie wurde 
mit zweiunddreißig Stimmen gegen zwölf angenommen; unter 
den Zustimmenden waren sechs Prinzen des königlichen Hauses, 
trotz königlichen Verbotes. Der König nahm die Adresse nicht 
an und lad die zwölf Opponenten des Reichsrates zum Essen. 
Nachdem auch der Landtag die Adresse angenommen hatte, 
erbat Hohenlohe von neuem seine Entlassung und empfahl als 
seinen Nachfolger den Grafen Bray-Steinburg. Der König 
folgte dem Rate des Fürsten, am 7. März 1870 wurde Graf
	        
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