366 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Daß er längere Gedankenreihen, die ihn beschäftigen, ausdenken
und auch ungestört aussprechen will, hat er mit jedem be—
deutenden Menschen gemein.
Mein erster Eindruck war Beklommenheit; ich bin nicht
dazu gekommen, dem Fürsten zum Neuen Jahre Glück zu
wünschen. Dann Versuche, mich dem Imponierenden dieses
Stückes vermenschlichter Weltgeschichte zu entziehen, durch
Widerspruch, Äußerung positiver persönlicher Gedanken usw.
Aber alles geriet ungeschickt. Schließlich Gefangengabe nicht
an die Größe, sondern an den Zauber dieser Persönlichkeit.
Ich verstehe, wie tiefer fühlende Hausgenossen ihn hundetreu
verehren müssen. Ich würde, glaube ich, bei längerem Zusammen—
sein, nach dem Fallen der Schlacken, in ein Verhältnis trau—
licher Verehrung zu dem Fürsten kommen, das mich ihm gegen—
über auch wieder frei und selbständig machen würde.“
Unter dem Eindrucke des soeben Erzählten fühle ich es noch
besonders klar: das Menschenalter von 1848 bis 1878, dessen
Schilderung in seiner politischen Entwicklung den Beschluß
dieser Deutschen Geschichte bilden soll, kann heute als Ganzes
noch immer am besten in der Form von Denkwürdigkeiten —
und eben von Denkwürdigkeiten eines in mittlerer Linie ver—
laufenden Lebens — dargestellt werden. Und empfinden heute
nicht mindestens alle älteren Zeitgenossen ebenso? Noch liegt
diese Zeit nicht so weit hinter der Gegenwart, daß ihr,
namentlich in politischen Dingen, schon ein vollgeschichtliches
und das heißt leidenschaftsloses Urteil gerecht werden könnte;
noch ist, historisch betrachtet, nicht abzusehen, was ihre größte
Schöpfung, das heutige Deutsche Reich, für die weiteren Ge—
schicke und die höchste Bestimmung der Nation bedeutet. Und
doch sind uns andererseits die Tage des Fürsten Bismarck
bereits so weit entrückt, daß wir sie auch nicht mehr allein
aus dem Tatendrang und mit der Leidenschaftlichkeit einer
vorwärts zielenden Gegenwart erschauen können: wie noch die
historische, so versagt schon die politische Betrachtung.