Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 519 
eine neue Verfassung eingebracht; der Senat nahm sie am 
20. April 1870 an. Und nun spielte Napoleon seinen Haupt⸗ 
trumpf aus. Statt die Verfassung durch den gesetzgebenden 
Körper weiter beraten und annehmen zu lassen, unterwarf 
er sie einer allgemeinen Volksabftimmung, einem Plebiszit, 
dem er zugleich den Charakter einer Abstimmung über seine 
innere Politik seit 18600 gab. Die Antwort war am 8. Mai 
1870 ein siebeneinhalbmillionenfaches Vertrauensvotum; aber 
immerhin hatten anderthalb Millionen Wähler den Mut, mit 
Nein zu stimmen, und unter den Verneinenden befand sich 
die Mehrheit der Stimmenden mehrerer großer Städte, be⸗ 
fanden sich fünfundvierzigtausend Stimmen der Armee und 
sechstausend der Marine. Gleichwohl glaubte Napoleon für 
seine innere Politik den Anfang einer neuen Bahn gesichert; 
ihren Verlauf aber sollten äußere Erfolge garantieren. Sie 
konnten nur gegen Deutschland gewonnen werden, und sie 
mußten hier rasch gewonnen werden, da soeben eine wesent⸗ 
liche Verbesserung der Schußwaffe der norddeutschen Infanterie 
im Werke war. 
Nun hatte Napoleon schon längst, sobald er eingesehen 
hatte, daß von Bismarck Kompensationen auf gütlichem Wege 
nicht zu erlangen waren, nach Allianzen zu suchen begonnen. 
Er hatte sich zunächst wenigstens überall Sympathien gesichert; 
nur Rußland hielt jetzt zur deutschen Seite. In Kopenhagen 
waren französische Sympathien selbstverständlich. In England 
war die Stimmung durchaus französisch; und sie wurde es im 
Juni 1870 womöglich noch mehr, als Lord Granville nach 
Tlarendons Tod die Leitung der äußeren Geschäfte übernahm. 
In Italien waren die französischen Neigungen König Viktor 
Emanuels bekannt; schon im Jahre 1868 begannen sich Italien 
und Frankreich näher zu treten; seit Juni 1869 verhandelte 
Napoleon, um die gewonnenen Beziehungen zu einem Bündnis 
zu verdichten. Es kam hier namentlich die Ubergabe Roms 
an das junge Königreich in Frage. Aber eben hier lagen, bei 
der jesuitischen Färbung des Napoleonischen Hofes, die Schwierig—⸗ 
keiten; selbst die Einmischung Beusts, des damaligen öster—
	        
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