Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindentschen Lösung der Einheitsfrage. 521 
wollte er den Orleans nicht; auf Drängen seiner Gemahlin 
Eugenie, die an Isabella eine Freundin gefunden hatte, hätte 
er am liebsten Alfonso auf dem spanischen Thron gesehen. 
Allein die Spanier entschieden sich schließlich gegen alle diese 
Kandidaten, und der General Prim begann mit dem Prinzen 
Leopold von Hohenzollern wegen Annahme der Krone zu ver⸗ 
handeln. Dieser Prinz, damals vierunddreißigiährig, ge⸗ 
hörte der katholischen Linie der Hohenzollern an, war mit 
einer portugiesischen Prinzessin vermählt, war den Napoleo⸗ 
niden näher verwandt als dem königlichen Hause der Hohen⸗ 
‚ollern und galt als klerikal. Die Verhandlungen begannen 
im Herbst 1869, nachdem man über die Kandidatur schon 
länger gesprochen hatte und es darüber schon im Frühjahr 
1869 zu einer Erregung in der französischen Presse gekommen 
war; Napoleon wußte von ihr, ohne einzugreifen; auch König 
Wilhelm wußte von ihr, billigte sie aber nicht; Bismarck 
glaubte zunächst auch an keinen Erfolg: und so schlief die Sache 
wieder ein. 
Aber seit Vorfrühling des Jahres 1870 nahmen die Ver⸗ 
handlungen, nicht ohne ents cheidendes Eingreifen Bismarcks, eine 
günstigere Wendung, und im Juni 1870 entschloß sich der 
Prinz nach längerem Zögern, die Krone anzunehmen. Er bat 
jetzt Knig Wilhelm als Oberhaupt der Gesamtfamilie Hohen⸗ 
zollern um seine formale Zustimmung und erhielt diese vom 
König, dem die Kandidatur noch immer auf lange unsympathisch 
geblieben war, am 28. Juni. Wenige Tage darauf wurde die 
Nachricht von der Annahme der Krone durch den Prinzen von 
Madrid aus, wahrscheinlich durch den spanischen Unterhändler 
Salazar, bekannt. 
Dieser Anlaß, der unter normalen Verhältnissen, falls man 
einen Hohenzollernprinzen auf dem spanischen Throne nicht gern 
sah, zu Reklamationen Frankreichs gegen Spanien und dessen 
innere Politik hätte führen können, erschien nun den französischen 
Machthabern geeignet, um den Krieg gegen Preußen zu inszenieren. 
Ein ernsthaftes Motiv hatte dabei für den gerade damals ge⸗ 
wählten Augenblick wohl eigentlich nur die Kaiserin Eugenie. 
gamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 44
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.