Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 523
Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung in Frankreich
und namentlich in Paris aufs höchste erregt; und die An—⸗
gelegenheit kam, infolge einer Interpellation des Abgeordneten
Cochery vom 5. Juli, am 6. Juli im Gesetzgebenden Körper zur
Sprache. Der Herzog von Gramont führte dabei in Beant—⸗
wortung der Interpellation aus: die Nachricht von der Thron—
kandidatur des Hohenzollern sei richtig; aber: „nous ne con-
paissons point encore les détails vrais d'une neégociation,
qui nous a été cachée.“ Trotzdem aber, daß er nichts Ge⸗
naues über die Angelegenheit zu wissen vorgab, führte Gramont
aus, Frankreich könne nicht dulden, daß durch die Erhebung
eines Hohenzollern auf den Thron Karls V. das Gleichgewicht
in Europa gestört und die Interessen und die Ehre Frankreichs
gefährdet werden sollten. Der Plan werde sich hoffentlich nicht
herwirklichen. „Pour l'empécher, nous comptons à la fois
dur la sagesse du peuple allemand et sur l'amitié du peuple
espagnol. S'il on s6tait autrement, forts de votre appui,
messieurs, et de eeolui de la nation, nous saurions remplir
notre devoir sans hésitation et sans faiblesse.“
Diese Erklärung war vom Kaiser zum größten Teil per—
sönlich abgefaßt; nach Schwankungen am Abend des 5. Juli
hatte die Kaiserin sie ihm entrissen, und in einem Minister⸗
konseil in St. Cloud am Morgen des 6. Juli war sie end⸗
gültig festgesetzt worden, nachdem der Kriegsminister Marschall
Leboeuf ʒweihundertfünfzigtausend Mann der Linie in vier—
zehn Tagen, fünfzigtausend in der dritten Woche und dann
noch hundertzwanzigtausend Mann Mobilgarde versprochen
hatte.
Im Parlament wurde die Erklärung mit enthusiastischem
Beifall aufgenommen, mochte auch die Linke gegen ihre
provozierenden Wendungen Verwahrung einlegen, mochte auch
Thiers, der während der letzten Worte des Ministers den
Sitzungssaal betreten hatte, laut rufen: „Mais c'est. une
folje.“ In Paris aber und im Lande fand die Erklärung den
gleichen Beifall; und die Zeitungen, mit Ausnahme allenfalls
des Temps“ und des „Journal des Debats“, hetzten in schmäh—
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