Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 527
Während er zusammentrat, am 19. Juli eineinhalb Uhr
mittags, wurde die französische Kriegserklärung Bismarck auf
dem Wege zum Parlament übergeben. Er nahm sie mit leichter
Verbeugung in Empfang, betrat festen Schrittes und leuchtenden
Auges den Versammlungssaal und verkuündete mit zwei Worten,
was geschehen war. Die Beratungen des Reichstags waren
kurz, am Abend des 21. Juli waren die Kredite bewilligt, die
nötigen Beschlüsse gefaßt.
Und mit Norddeutschland erhob sich auch der Süden. In
Bayern hatte König Ludwig schon am 19. Juli mobil machen
lassen. In der Kammer machten die Klerikalen Miene, nur
die Mittel für eine bewaffnete Neutralität zu bewilligen; das
„Vaterland“, damals ihr Hauptorgan, verlangte Anschluß an
Frankreich: die Armee freue sich längst darauf, gegen die Preußen
zu ziehen. Aber es kam anders. Auch im bayerischen Parlament
erhob sich machtvoll das Wort der Deutsch Denkenden; und
schon in den Kommissionsberatungen der Kammer fiel der Ab⸗
geordnete Sepp von dem klerikalen Terrorismus ab; er hatte
einen Brief aus Frankreich empfangen, der von einem neuen
Rheinbund sprach: „Ich lehne es ab, mich an solcher Verräterei
zu beteiligen.“ Im Plenum vollzogen sich die Dinge dann
unter Führung Sepps ganz gegen den Wunsch der Klerikalen;
der Kredit wurde mit hundertundeiner gegen siebenundvierzig
Stimmen bewilligt „für den Fall, daß der Krieg unvermeidlich
— in Württemberg und Hessen zu einem
frohen Ergebnis; Baden gar zog begeistert in den Krieg; schon
am 16. Juli hatte es seine Truppen mobil gemacht und die
Rheinbrücke bei Kehl gesprengt.
In dem Kriege, der nunmehr ausbrach, bestand auf deutscher
Seite von vornherein, in gegenseitigen Verhandlungen der
militärischen Behörden Preußens und der Südstaaten schon
länger festgelegt, die Absicht, den Schwarzwald im wesentlichen
unverteidigt zu lassen und alle Kraft auf einen direkten Stoß
hom Mittelrhein her auf die feindliche Hauptstadt, als das
militärische, kommerzielle und geistige Zentrum Frankreichs, zu
berwenden. Als natürlicher Ausgangspunkt aller Berechnungen