Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 551
mitgenommen, und er mußte für seine Rückzugslinie fürchten,
wenn er nicht südwärts abmarschierte.
So brachte der 18. Januar, der Tag der Kaiserproklamation
in Versailles und der Vortag des letzten Ausfalls aus Paris
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im Norden, auch hier den Umschwung. Während die Franzosen
den Rückzug antraten, faßte der neue Oberkommandierende,
von Manteuffel, auf Nachrichten von Werders hin schon jetzt
den Entschluß, ihnen, unter schwacher Abwehr gegen die in
Dijon stehenden französischen Heeresteile, durch Vorgehen gegen
den Doubs unterhalb Besançcon den Abzug nach Süden zu
derlegen. Es war das Programm, dessen Ausführung die
aächsten zehn Tage, freilich unter fast übermenschlichen An⸗
strengungen der Truppen, brachten. Die Franzosen wurden
von Rückzugslinie zu Rückzugslinie weiter gegen Osten, der
Schweizer Grenze zugedrängt; und nachdem ihr Feldherr,
Bourbaki, von Tours mit Undank belohnt, nach einem ver—
zweifelten Selbstmordversuch dem General Clinchant im Ober⸗
befehl Platz gemacht hatte, blieb ihnen nichts übrig, als sich
den Deutschen zu ergeben oder die Gastfreundschaft der neutralen
Schweiz in Anspruch zu nehmen. Sie wählten das letztere, am
31. Januar 1871.
Es war das Ereignis, das nun doch endlich die zähen
Siegeshoffnungen der Franzosen zum Weichen brachte; zumal
da von deutscher Seite her nach dem Ausfall des 19. Januars
vor Paris der artilleristische Angriff auch gegen die Nordfront
der Stadt mit Erfolg aufgenommen worden war, ja schon der
Abergang zum Ingenieurangriff gegen die Pariser Mauern
devorstand. Dazu kam, daß Mangel und Teuerung in der
Stadt in bedenklichster Weise überhandnahmen, daß die Armee
demoralisiert und die öffentliche Meinung aufsässig war. Und
wie in Paris, so war auch sonst die allgemeine Lage nicht
dloß militärisch unbefriedigend; seit der Rundreise von Thiers
nach Europa war es offenbar geworden, daß auch ein ver—⸗
mittelndes Einschreiten irgendeiner auswärtigen Macht nicht
mehr in Frage stand.