Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

560 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
dem König von Preußen die Kaiserkrone anzubieten. Schon 
waren in dieser Hinsicht vorher Verhandlungen gepflogen 
worden, an denen sich namentlich der Großherzog von Baden 
beteiligt hatte: jetzt wurden sie dringlich. Da ein Brief des 
badischen Großherzogs ohne durchschlagende Wirkung geblieben 
war, so suchte Bismarck den König dadurch zu einem raschen 
Entschluß zu bringen, daß er in München verlauten ließ, er 
werde mit dem Könige von Sachsen dahin ins Einvernehmen 
treten, daß dieser das Angebot der Kaiserkrone übernehme. Es 
war das rechte Mittel. König Ludwig, eifersüchtig auf seine 
Stellung unter den Fürsten, sandte jetzt, zunächst allerdings 
nur um sich über die allgemeine Lage zu informieren, einen 
seiner Adjutanten, den Grafen von Holnstein, direkt nach 
Versailles, zu Bismarck. Holnstein war ein glühender deutscher 
Patriot, und er kannte den König. Er riet Bismarck, ihn 
zum Könige mit einer völlig fertigen Vorlage des Angebotes 
der Kaiserkrone, die der König nur zu unterschreiben brauche, 
zurückzusenden. Es geschah: und der König unterschrieb nach 
geringfügigen Anderungen. Am 3. Dezember hatte König Wil— 
helm das Angebot in Händen; und bald folgte die allgemeine 
Zustimmung der Fürsten und freien Städte. 
Inzwischen hatte aber Bismarck, am 15. November, schon 
mit Baden und Hessen formell abgeschlossen: der neue Bund, 
der aus der Vereinigung der beiden Länder mit dem Norddeutschen 
Bunde hervorging, sollte am 1. Januar 1871 ins Leben treten. 
Es war ein Zeichen für Württemberg und Bayern, mit dem Ab— 
—D— 
sollten sie nicht durch das Angebot der Kaiserkrone und noch 
mehr durch eine sich regende Entrüstung in der Nation über 
das Säumen bedrängt und dem Verluste mancher Chance zu— 
getrieben werden, die sich ihnen jetzt noch in den Konferenzen 
darbot. 
Bismarck verhandelte nun an erster Stelle mit Bayern; 
hier war er zu jenen starken Zugeständnissen an die besondere 
geschichtliche Stellung des Landes bereit, welche die heutige 
Reichsverfassung aufweist. Darauf kam man rasch zum Ab—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.