Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 561
schluß: am 28. November abends war die deutsche Einheit, und
wie wir aus den parallelen Münchener und Hohenschwangauer
Vorgängen wissen, die deutsche Kaiserwürde nahezu gesichert.
Darauf ließ sich natürlich auch die Sonderstellung Württem⸗
bergs nicht mehr halten; am 25. November hat es den Ver⸗
trag unterzeichnet, der seine Lage in der heute aus der Reichs—
verfassung bekannten Weise regelt.
Damit war denn die Einheit hergestellt, soweit sie auf
Verträgen der deutschen Bundesfürsten und freien Städte be—
ruhen konnte. Allein noch bedurften diese Verträge der Zu⸗
stimmung des Bundesrates des Norddeutschen Bundes, des
norddeutschen Reichstages und der vier süddeutschen Parlamente.
Im Bundesrat nahm man sie natürlich ohne Schwierig⸗
keiten an, wenn auch die besondere Behandlung Bayerns
manchen Tadel erfuhr; zugleich wurde für den neuen Bund
die Bezeichnung „Reich“ beschlossen und der Kaisertitel für den
Bundespräsidenten, den König von Preußen, freudig gebilligt.
Der Reichstag war am 24. November zusammengetreten. Auch
in ihm riefen die, wie es schien, übermäßigen Zugeständnisse an
Bayern manch scharfes Wort hervor. Im ganzen aber stimmte
man am 9. Dezember mit hundertfünfundneunzig gegen zwei⸗
unddreißig Stimmen auch dem Vertrage mit Bayern zu. Die
Verhandlungen in den süddeutschen Parlamenten aber haben
dann nicht mehr viele Schwierigkeiten gemacht; nur in Bayern
widerstrebte in der Kammer der Abgeordneten wiederum die
klerikale „Patriotenpartei“ unter Jörg: bis endlich die Mehr—
heit, gegen den Bericht der Kommission, am 22. Januar 1871 —
nach der Kaiserproklamation von Versailles und somit nicht,
ohne sich geschichtlich lächerlich zu machen — ihre Zu—
stimmung gab.
Inzwischen aber waren die Dinge in Versailles ihren
rafchen und nunmehr auch sicheren Gang fortgeschritten. Nach
Ratifikation der Novemberverträge bot König Ludwig II. von
Bayern, wie in anderem Zusammenhang schon erzählt, dem König
Wilhelm als Bundesprüsidenten den Titel eines Deutschen Kaisers
an, und König Wilhelm konnte sich diesem Antrage, der inzwischen