Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

372 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Kämpfe und Verfassungskämpfe geistlichen wie weltlichen 
Charakters waren ihre Signatur gewesen. Allein sie alle waren 
schließlich von einem weit stärkeren, dem gewaltigsten Antriebe 
der Zeit überholt worden: dem Triebe nach Einheit. 
Die erste Einheitsbewegung war denn freilich am Ende 
der Epoche gescheitert, und diesem Unglücke waren lange Jahre 
der Ernüchterung und des Ermattens gefolgt!. 
Zugleich aber hatte sich doch auch schon in den Schluß— 
ereignissen der Einheitsbewegung, insbesondere seit dem Momente, 
da Preußen die Führung in ihr übernommen hatte, gezeigt, 
worin, neben manchen anderen Gründen, eine tiefste Ursache 
ihres Mißlingens lag. Die preußischen Verhandlungen waren 
schließlich nicht nur in den geschichtlich schon seit so lange ge— 
gebenen Gegensatz der beiden deutschen Großmächte, sondern 
noch weit darüber hinaus in die allgemeine politische Kon— 
stellation der Zeit, soweit sie Europa betraf, eingemündet; der 
sehr einfache und doch so oft übersehene Zusammenhang hatte 
sich herausgestellt, daß eine siegreiche deutsche Einheitsbewegung 
nicht bloß die Nation angehen, sondern, bei den engen Be— 
ziehungen der europäischen Staatenfamilie untereinander, zu— 
gleich auch auf dem Gebiete der auswärtigen Politik überhaupt 
ein Ereignis ersten Ranges bedeuten werde?. 
Die Zeit, in deren Erzählung wir jetzt eintreten, ist da— 
durch charakterisiert, daß sich dieser Zusammenhang in ihr von 
Jahr zu Jahr klarer und folgenschwerer enthüllte: und daß die 
Nation in den Wirrnissen, denen sie damit aus innerstem 
Bildungsdrange entgegenging, und die Krieg und diplomatische 
Kämpfe schließlich nicht bloß innerhalb der deutschen Grenzen 
bedeuteten, zwei Führer von unbedingter Überlegenheit fand: 
Bismarck und Moltke. Und so wird denn ihre erste und vollste 
Signatur äußeres Handeln, Drama und Epopöe zugleich sein: 
und nur die hochentwickelte Verstandeskultur des Jahrhunderts 
wird ein wenig die urzeitlichen Instinkte dämpfen, die im Ver— 
VBgl. oben S. 88 ff., 132 ff. 
S. oben S. 129 f.
	        
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