Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 583
den gebildeten Schichten, immer mehr der Franzbsierung ver⸗
fallen, während die Wenigen, die am Deutschtum noch un—
bedingt festhielten, in Gefahr gerieten, fern dem großen Strome
deutschen Lebens jenseits des Rheins in ein gleichsam halb
mumifiziertes deutsches Wesen zu verfallen: und so durfte man
wohl in hohem Grade gespannt sein, auf welche Weise sich
die versprengten Stämme in dem alten Vaterhaus wieder zurecht⸗
finden würden. Aber war für die Art, in der dies geschehen
konnte, nicht auch die Art des Entgegenkommens im hohen
Grade wichtig, die den Heimkehrenden vom Reiche und seinen
Organen wie von der Nation zuteil werden würde?
Das Reichsland wurde im Frankfurter Frieden an erster
Stelle aus militärischen Gründen erworben: Süddeutschland
mußte vor der ständigen Gefahr, von Frankreich plötzlich über—
rannt zu werden, wie sie die Rheingrenze unbedingt nahelegte,
ein für allemal befreit werden. Es geschah, wenn man die
Grenze in die Vogesen verlegte. Denn während der Schwarz⸗
wald, sonst ein Zwillingsbruder der Vogesen, selbst im höheren
und mächtigeren Süden schon reich gegliedert ist und eine Aus⸗
wahl von Tälern und Gebirgsstufen wie eine ganze Anzahl
von Pässen enthält: ist der Kamm der Vogesen einer der un—
wegsamsten deutschen Gebirgsteile: kaum ein Paß, wenig Wege,
kurze, steile Täler: und damit ganz wie zu einer militärischen
Grenze geschaffen. Allein war diese Grenze denn nicht zugleich
eine Grenze der großen Nationalitäten, die initeinander ge⸗
rungen hatten? Die strategischen Erwägungen vollzogen sich
in den Jahren 1870 und 1871 in der Denkarbeit begrenzter
Kreise; in der großen öffentlichen Meinung im Reiche gewannen
vom Anbeginn die nationalen Empfindungen über die militä⸗
rischen Gründe die Oberhand: mit frohem Enthusiasmus und
hoffender Treue empfing man die langverlorenen Bruderstämme.
Im einzelnen aber trat als vornehmste Frage die auf:
welchen staatsrechtlichen Charakter denn die Reichslande er⸗
halten sollten? Und da standen sich bald drei Meinungen
gegenüber: die einen wollten Zuteilung an Baden und die
Pfalz; die anderen Angliederung an Preußen; die dritten