Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 589 
und am 1. Mai 1872 konnte, wenn auch noch ohne Teilnahme 
der Masse der Straßburger Bevölkerung, die feierliche Gründung 
der neuen Straßburger Universität vollzogen werden. Es war 
eines der echtesten deutschen Feste, die nach dem Kriege gefeiert 
werden konnten. Und alle deutschen Stämme stellten der neuen 
deutschen Universität die besten Lehrkräfte; unter der Fürsorge 
des früheren badischen Ministers Roggenbach, eines Freundes des 
deutschen Kronprinzen, hatte sich deren eine auserwählte Schar 
eingestellt. Erster Rektor der Universität aber war ein Elsässer 
von der bisher vorhandenen evangelisch-theologischen Fakultät, 
ein ehrwürdiger Greis, der Professor Bruch, wenn ihm auch 
seine feste Stellungnahme zu den neuen Verhältnissen zunächst 
die Beschimpfung als Renegat eintrug. Indessen zeigte sich 
bei der Gründungsfeier in den Reden der Elsässer doch auch, 
wie viele treue Herzen schon nach langem Warten dem alten 
Vaterlande entgegenschlugen. 
Die neue Universitaͤt wurde zunächst von Altdeutschland 
rege besucht; allmählich stellten sich dann aber auch die Elsässer 
und die Lothringer ein. Den Vortrab bildeten dabei die Söhne 
der fast durchweg zu Deutschland haltenden evangelischen Pfarr⸗ 
häuser, und so wurde vor allem die theologische Fakultät, der 
fie fich gern zuwendeten, als ein Herd der Versöhnung und der 
gegenseitigen Verständigung wichtig; doch trat daneben all— 
——— sich langsam namentlich 
elsässische Studierende einfanden, um dereinst ihrem Lande 
dienen zu können; und auch die anderen Fakultäten blieben in 
der Germanisierungsarbeit nicht untätig. 
Gegenüber alledem konnte man nun auf die spontanen 
Außerungen des Landes gespannt sein. Und da stellten sich denn 
bald zwei große Strömungen heraus: die katholisch-französische, 
und eine, wesentlich von Protestanten getragen, vornehmlich 
elsässische, autonomistische. Die erste war deutschfeindlich, die 
zweite zwar nicht absolut deutschfreundlich, aber von lebhaftem, 
im Grunde deutschem, Selbständigkeitsgefühl getragen und im 
ganzen voller Vertrauens zu der Verwaltung des Landes. 
Die katholisch-französische Strömung hatte ihren Rückhalt
	        
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