Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 373 
laufe dieses Handelns bei hoch und niedrig, vor allem aber 
in den Tiefen der Nation erwachten. 
Dabei versteht es sich, daß das Ziel, die innere Einheit 
der Nation, Kaiser und Reich in neuen Lebensformen, seit 1848 
mit Bestimmtheit gesichtet, nun keinen Augenblick mehr aus 
den Augen verloren wird: immer und immer wieder blitzt 
dies Ideal hervor, bis es gegen Schluß des letzten großen 
Krieges in strahlender Fülle aufgeht. Aber die genauere 
Fassung der alten Wünsche wird jetzt doch stark durch die 
iußeren Vorgänge mitbedingt; das Kaisertum wird im Gegen⸗ 
satz zu Osterreich und zum Papsttum das protestantische der 
Hohenzollern, und das Reich wird nach preußischem Muster ein 
Kriegerstaat und das klassische Land der allgemeinen Dienst⸗ 
oflicht. Und auch auf die Frage der Auseinandersetzung zwischen 
Kirche und Staat — denn in dies Problem mündet nunmehr 
die Fülle der religiösen Diskussionen der ersten Hälfte des 
19. Jahrhunderts — färbt der ganze militärisch-diplomatische 
Charakter der Zeit ab, wie er denn selbst in unmittelbar 
ymptomatischen Einzelvorgängen zutage tritt: in die Anfänge 
des Kulturkampfes fällt die Frage, ob das neue Reich der 
Kurie nicht bloß diplomatisch, sondern gar wohl selbst kriegerisch 
zu Hilfe kommen solle, nachdem diese in indirektem Zusammen⸗ 
hange mit den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1870 das 
Patrimonium Petri an Italien verloren hatte. 
So sind es denn drei große Themata gleichsam, die die 
sechziger, siebziger und teilweise noch achtziger Jahre, die letzten 
Ausgangszeiten der ersten Periode des Subjektivismus, bewegen: 
Fragen der politischen Verfassungsbildung, staatskirchenrechtliche 
Fragen, Fragen der nationalen Einheitsbewegung. Aber die 
zuletztgenannten sind die weitaus wichtigsten, die in jedem Be⸗ 
trachte übermächtigen: und der Einheitsdrang der Nation be— 
wvährt sich damit noch einmal als der eigentliche und tiefste 
gpolitische Instinkt des Subjektivismus. 
Nach ihm also muß unsere Erzählung orientiert werden: 
ind so beginne sie zunächst mit einer kurzen Darstellung der 
äußeren Geschicke Europas in den fünfziger Jahren, in den
	        
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