Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 591
in Altdeutschland tobenden Kulturkampf noch neue Kraft. Und
er wirkte aufs eifrigste durch Presse und Vereinsbildung auf
die öffentliche Meinung um so mehr, als er seine Kräfte durch
Teilnahme an der Landesverwaltung nicht zersplitterte, da er
diese in seinen Hoffnungen auf Frankreich als etwas Vorüber⸗
gehendes ansah.
Dem standen nun die autonom, d. h. in begrenztem Sinne
elsässisch-deutsch denkenden Kreise gegenüber: und unter ihnen
auch schon eine kleine Gruppe ganz deutsch gesinnter Männer:
alte Pfarrer, die noch lebenden Mitglieder der elsässischen
Dichterschule und einige andere. Für fie brachte das Gesetz
vom 23. Januar 1873 über die Errichtung von Kreis- und
Bezirkstagen eine erste Gelegenheit, ihre Kraft zu erproben:
die darin vorgeschriebenen Wahlen sollten am 21. und 22. Juni
in allen Gemeinden des Reichslandes stattfinden.
Zur Tatkraft angespornt aber wurden sie durch Ereignisse,
die sich kurz vorher in Straßburg abgespielt hatten. Dort
war der Bürgermeister Lauth, nachdem er sich vor dem Ober⸗
präsidenten von Moeller gelegentlich eines Besuches desselben
ganz naiv als Französling bekannt hatte, am 7. April 1873
abgesetzt worden; und dem war eine Aufhebung des für Lauth
Partei nehmenden Gemeinderats auf zwei Jahre gefolgt; ja
auch die Beigeordneten des Bürgermeisters waren am 17. April
ihrer ÄAmter entsetzt worden. Seitdem führte der Polizeidirektor
Back zusammen mit einem Regierungsassessor die Geschäfte der
Stadt. Konnten nun solche Vorgänge von Nutzen für die
Stadt sein? Nein — riefen die Autonomisten: um sie aber
zu verhüten, müssen wir uns an der Verwaltung beteiligen.
Von diesem Gesichtspunkte aus erließ eine Anzahl treuer deutsch⸗
elsässischer Männer einen Aufruf zu den Wahlen des Juni
1873, der in den Worten gipfelte: „Wer uns rät, uns der
Wahl zu enthalten, oder wer uns rät, Männer zu wählen,
die ihre Aufgabe in vergeblichen Demonstrationen statt in
rückhaltloser Arbeit sehen, der liebt dieses unser Elsaß-Lothringen
nicht aufrichtig, dem stehen andere Zwecke höher als der innere
Friede und die gedeihliche Entwicklung der materiellen und