592 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
geistigen Interessen dieses Landes. Sorgen wir für unsere
Interessen!“
Diesen vernünftigen Worten kamen die Wähler nun im
ganzen nach, vor allem in überraschender Weise auf dem platten
Lande. Demonstriert durch Enthaltung wurde eigentlich nur
in Mülhausen, ein wenig auch in Kolmar; in Straßburg trat
eine nur kleine Mehrheit für den verschwundenen Stadtrat ein.
Auch der Eid auf den Kaiser, den die neugewählten Vertreter
nach der Vorschrift eines noch geltenden französischen Gesetzes
leisten mußten, wurde von den meisten geleistet; vierzehn von
den zweiundzwanzig Kreistagen und wenigstens einer der Bezirks⸗
tage, der unterelsässische, konnten demgemäß eröffnet werden;
und fast ohne Ausnahme ergab sich bei den Verhandlungen ein
beachtenswert ruhiger, sachlicher und ernster Ton.
So konnte es wohl kaum eine Frage sein: überraschend früh
war das Experiment gelungen, die Bevölkerung zur Verwaltung
ihrer eigenen lokalen Angelegenheiten heranzuziehen: und durch⸗
weg zeigten sich dabei spezifisch germanische, deutsche Eigen—
schaften. Damit erhob sich denn schon jetzt die Frage, ob sich
auch auf höherem politischen Gebiete das Gleiche zeigen würde.
Man konnte da zunächst wohl noch zweifelhaft sein: denn in
französischer Zeit hatten die deutschen Gegenden politisch un—
mündig gelebt, da sie eine geknebelte Presse besaßen und die
Abgeordneten auf Pariser Order gewählt worden waren. Aber
auch hier mochte die Lage jedenfalls ein Experiment lohnen.
Es wurde mit den Reichstagswahlen vom 10. Januar 1874
gemacht: den ersten, die in Elsaß-Lothringen stattfanden, nach—
dem die vom J. Januar 1873 bis zum 1. Januar 1874 verlängerte
Zeit persönlicher Herrschaft des Kaisers abgelaufen war. Und da
war denn das von der Regierung in keiner Weise beeinflußte
Ergebnis sehr merkwürdig: Gewählt wurden fünf Liberale, die
nur nach Berlin gingen, um gegen den Frankfurter Frieden
zu protestieren und dann sofort heimkehren wollten, und zehn
Klerikale, die auch protestieren, aber sich gelegentlich an den
Reichstagsverhandlungen weiterbeteiligen wollten, darunter die
beiden Bischöfe des Landes und fünf Pfarrer.