Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

594 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Wo war nun die vorher für die Voten der Reichslands⸗ 
abgeordneten verkündete Einigkeit? Die Szene endete in all⸗ 
gemeiner Heiterkeit; die liberalen Protestler zogen sich entsetzt 
von diesem Orte sachlicher Erwägungen zurück und ließen die 
großen Städte, die sie gewählt hatten, auf drei Jahre im 
Reichstage unvertreten, so daß sich die Straßburger schließlich, 
um ihre Interessen gewahrt zu sehen, in manchen ihrer An⸗ 
gelegenheiten direkt an den Reichskanzler wandten; die Klerikalen 
aber gingen dahin, wohin sie nach altdeutschen Begriffen ge— 
hörten, zum Zentrum. 
So war denn klar, daß man im Reichslande politisch einst⸗ 
weilen mit kindischen Protestlern und unselbständigen Klerikalen 
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fassung der politischen Gesamtlage auch nur des Reichslandes, 
geschweige denn des Reiches war einstweilen nichts zu spüren. 
Das zeigten auch die Anträge, welche die klerikalen Reichs— 
länder mit Unterstützung des Zentrums noch im Verlaufe der 
Tagung stellten: der Antrag auf Aufhebung der Befugnis des 
Oberpräsidenten, bei Gefahr für die öffentliche Sicherheit den 
Belagerungszustand zu verkünden, eine Befugnis, die der Pfarrer 
Guerber merkwürdigerweise ein „unbeschränktes Diktaturrecht“ 
nannte, und der Antrag auf Einführung eines Preßgesetzes, das 
heißt auf Zulassung der Presse der französischen und klerikalen 
Hetzer. Natürlich fielen beide durch; zugleich aber erhielten die 
Autragsteller gelegentlich der Beratung einer ersten, von ihnen 
vorgebrachten Eingabe vom Fürsten Bismarck eine Lektion, die 
besser als alles den damaligen politischen Zustand der Geister 
in den Reichslanden vorzustellen geeignet ist, sowie den Ein— 
druck, den dieser auf die entscheidenden Stellen in Berlin 
machte. Der Fürst beglückwünschte die Redner der Gruppe 
zunächst dazu, daß die Beschwerde der Elsässer hier vor dem 
deutschen Reichsstag und nicht in der französischen National— 
versammlung erörtert werde. „Denken wir uns die Verhält— 
nisse ins Gegenteil übertragen, daß bei einem anderen Ausfall 
des Krieges etwa ein Teil der Rheinprovinz oder, was viel⸗ 
leicht noch wahrscheinlicher war, ein Teil von Belgien französisch
	        
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