Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

IV. 
Nach dem Kriege von 1870/71 erwartete alle Welt einen 
weiteren Fortschritt der deutschen Einheitsbewegung auf ge— 
waltsamem Wege. Man wußte, wie wenig in deutschem Sinne 
die österreichische Politik der Jahre 1867 bis 1870 durch Herrn 
von Beust geführt worden war: würde das neue Reich dem 
alten Doppelstaat diese Haltung nicht heimzahlen? Die kleinen 
Staaten um das Reich herum aber, Holland, Belgien, die 
Schweiz, lebten erst recht in der Erwartung kommenden Un⸗ 
heils. Vor allem galt das für die Schweiz. Hier war die 
deutsche Einheit der Menge im höchsten Grade verhaßt trotz 
aller Sympathien weitschauender Männer, wie etwa Konrad 
Ferdinand Meyers oder des wackeren Militärpfarrers Albert 
Bitzius, Sohnes von Jeremias Gotthelf; die Reichsdeutschen, 
die 1871 in stiller Weise den Sedantag in der Züricher Ton⸗ 
halle feierten, wurden fast totgeschlagen. 
Von den großen Mächten aber stand England grollend 
und schon für seinen Handel fürchtend beiseite: die einzige 
befreundete Macht war Rußland, das sich freilich für seine 
Neutralität während des deutsch-französischen Krieges durch eine 
starke Lockerung der Fesseln bezahlt gemacht hatte, die ihm durch 
den Abschluß des Krimkrieges auferlegt worden waren. 
Unter diesen Umständen mußte das junge Reich, dessen 
Leiter dem Gedanken jeder weiteren Entfaltung kriegerischer 
Einigungsbestrebungen fern standen, seinerseits vor allem 
darauf sehen, daß Frankreich, wo jedermann nach Revanche 
schrie, nicht die Möglichkeit gegeben wurde, die allgemeine 
Antipathie auszunutzen. Und mit diesem Ziel mußte sich das 
andere verbinden, das eigene Pulver trocken zu halten.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.