Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

602 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes KUapitel. 
Rachekrieges unmöglich wurde. Dazu erschien bei dem Charakter 
der französischen Nation vor allem nötig, daß man das Auf— 
tauchen eines faszinierenden, alles mit sich fortreißenden ehr— 
geizigen Führers ausschloß. Und von diesem Gesichtspunkte her 
empfahl sich die Begünstigung der bestehenden Republik: jede 
Monarchie bot für das Reich nach der Ansicht Bismarcks ge— 
ringere Aussichten der Ruhe. Der Fürst war daher bestrebt, 
der Republik und besonders wiederum der konservativ-bürger⸗ 
lichen Republik des Herrn Thiers in jeder Hinsicht das Dasein 
zu erleichtern. Um sie moralisch zu festigen, willigte er zunächst 
in starke Reduktionen der Zahltermine der Kriegsschuld: was 
einem Zinsgewinn der Republik gleichkam und zudem wesentlich 
zur Festigung der französischen Finanzen beitrug. Und auch 
sonst trat er, im Gegensatz zu der Meinung des deutschen Bot—⸗ 
schafters von Arnim und zu der von diesem und der Kaiserin 
Augusta am Berliner Hofe betriebenen Agitation, nach Kräften 
für die liberal-bourgeoise Republik als die für das Reich un— 
gefährlichste aller französischen Staatsformen ein. 
Nun kam aber diese Republik gleichwohl aus der inneren 
Entwicklung Frankreichs her in Gefahr. Der Klerikalismus, 
in Mitteleuropa seit dem Entstehen des Reiches um seine besten 
Hoffnungen auf ein katholisches Großdeutschland betrogen, zu— 
dem seit dem Vatikanum vor allem wiederum vornehmlich 
innerhalb des Reiches einem hartnäckigen Widerstande begegnend, 
sah in Frankreich sein sicherstes Werkzeug für einen künftigen 
allgemeinen Fortschritt der papalen Kirche. Das Papsttum und 
die französischen Klerikalen schlossen sich daher zu einem immer 
engeren Bunde zusammen, als dessen Programm sich zunächst 
für Frankreich der Sturz der bourgeoisen Republik und die 
Begründung eines fromm-feudalen Königtums, einer royauté 
très chrétienne der Bourbonen ergab. Am 24. Mai 1878 
beseitigte die klerikale Partei im französischen Parlamente den 
Präsidenten Thiers; an seine Stelle trat nominell als Präsident 
der Republik, tatsächlich als Platzhalter für die kommende 
monarchische Restauration der Marschall Mac Mahon. Immer 
reger und offenkundiger wurden darauf die Verhandlungen der
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.