604 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Tagen, in denen man den Abschluß der Restaurations—
verhandlungen in Frankreich erwarten durfte, im September
1873, erschien gar König Viktor Emanuel selbst in Wien und
Berlin. Es war für ihn, soweit Berlin in Betracht kam,
keine leichte Reise. Mit die ersten Worte, die er, in der Haupt⸗
stadt des Deutschen Reiches angelangt, an Kaiser Wilhelm
richtete, waren: „Ich muß Eurer Majestät gestehen, daß ich im
Jahre 1871 im Begriffe stand, die Waffen gegen Sie zu er—
greifen.“ Der Kaiser antwortete mild: „Ich wußte es.“ Jetzt
war der König während des Aufenthalts in Berlin von seinem
Minister des Auswärtigen begleitet; und wahrscheinlich ist es
schon damals zu Bündnisverabredungen für den Fall eines
französischen Angriffs auf den einen oder den anderen der
beiden Staaten gekommen.
Inzwischen verschwand freilich die akute Gefahr von Frank—
reich her. Im letzten Augenblicke, kurz vor dem Abschluß der
letzten Verhandlungen, versagte sich der Graf von Chambord
einem Thron, den er im Grunde doch als auf den Fundamenten
der Revolution aufgebaut zu erkennen glaubte; und die ent⸗
täuschte klerikal-royalistische Mehrheit der französischen Kammer
verlängerte am 20. November 1878 die Befugnisse des Marschalls
Mac Mahon auf sieben Jahre. Indes die Einsicht in die von
Frankreich her lauernde Gefahr eines klerikalen Königtums
blieb; und vor allem Italien hatte mit ihr zu rechnen. Und
so blieb auch die Anlehnung Italiens an das Deutsche Reich
im ganzen bestehen, wenn wir auch später noch von einigen
Schwankungen hören werden!; im Oktober 1878 hat Kaiser
Wilhelm den Besuch Viktor Emanuels in Mailand, unter ge—
waltigem Enthusiasmus der Menge, erwidert.
Inzwischen aber hatte sich auch das Verhältnis des Reiches
zu den beiden kaiserlichen Nachbarmächten im Osten erfreulich
gestaltet.
Was Osterreich angeht, so war es die Aufnahme der alten
großdeutschen VPolitik in neuen Formen, wie sie die Ereignisse
1S. unten S. 621f.