Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 607 
nur europäische und nicht auch deutsche Interessen in Frage 
kamen, mußte für das neue Deutsche Reich und das dualistische 
sterreich-Ungarn zu einer besonders erfreulichen Erinnerung 
werden. Dabei war man gerade an der vulkanischen Stelle der 
mitteleuropäischen Neubildungen, in Berlin, von der Existenz⸗ 
notwendigkeit eines Osterreichs von dem geschilderten Charakter 
innig überzeugt. In einer seiner größten politischen Reden hat 
Furst Bismarck im Jahre 1888 ausgeführt: „Denken Sie sich 
Hsterreich von der Bildfläche Europas weg, so sind wir zwischen 
Rußland und Frankreich auf dem Kontinent mit Italien isoliert, 
zwischen den beiden stärksten Militärmächten neben Deutschland; 
wir ununterbrochen zu jeder Zeit einer gegen zwei mit großer 
Wahrscheinlichkeit oder abhängig abwechselnd vom einen oder 
vom andern. So kommt es aber nicht. Man kann sich Oster⸗ 
reich nicht wegdenken: ein Staat wie Hsterreich verschwindet 
nicht . .. Wenn wir die Isolierung, die gerade in unserer 
angreifbaren Lage für Deutschland besonders gefährlich ist, ver⸗ 
hülen wollen, so müssen wir einen sicheren Freund haben.“ 
Diesen sicheren Freund suchte nun Bismarck seit 1866 in 
Osterreich auch durch die Tat zu erwerben: und wir wissen, 
wie sehr das geschlagene Hsterreich beim Friedensschlusse aus 
diesem Motiv her geschont wurde!. Aber auch die erste 
politische Aktion, die der Fürst im werdenden neuen Reiche 
vornahm, galt diesem Zwecke. Schon am 14. Dezember 1870 
unterrichtete er die österreichische Regierung vom Abschluß der 
Verträge mit den süddeutschen Staaten und beendete seine Mit⸗ 
teilung mit dem Satze: „Deutschland und sterreich-Ungarn, 
wir duͤrfen es zuversichtlich hoffen, werden mit den Gefühlen 
gegenseitigen Wohlwollens aufeinander blicken und sich zur 
Foörderung der Wohlfahrt und des Gedeihens beider Länder 
die Hand reichen.“ Und als der österreichische Kanzler darauf⸗ 
hin am 26. Dezember 1870 entgegenkommend geantwortet hatte, 
da konnte die Tatsache eines künftigen guten Einverständnisses 
des Reiches und Österreichs schon in den bayerischen Kammer— 
1 S. oben S. 486.
	        
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