Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 609 
erreicht, das geeignet war, bei stärkeren Anlässen europüischer 
Friedensstörung rasch zu festerem Bunde zu führen. Dieses 
Einverständnis lief darauf hinaus, daß sich die drei Kaiser den 
status quo ihrer Besitzungen, so wie er durch die letzten Ver⸗ 
träge festgelegt war, gewährleisteten; daß sie sich versprachen, 
für die Schwierigkeiten, die in der orientalischen Frage auf⸗ 
tauchen könnten, den Versuch gemeinsamer Lösung zu machen; 
und daß sie Maßregeln zur Unterdrückung des neuen, sozia— 
listischen Umsturzes treffen wollten. 
Es war ein Jahr etwa vor dem Versuche einer klerikalen 
Restauration der Monarchie in Frankreich. Als dieser auch 
Italien zur Anlehnung an das Deutsche Reich veranlaßte, war, 
etwa gegen Ende des Jahres 1873, ohne weitere Opfer und 
ohne schwere Verletzung des Stolzes der anderen großen Reiche 
Europas, im diplomatischen Verkehr eine Stellung des Reiches 
errungen, die man, ohne Widerspruch fürchten zu müssen, als 
führend bezeichnen kann. Und auch die kleineren Reiche fügten 
sich einstweilen dieser Hegemonie. In der Schweiz, der das junge 
Reich durch eine starke Beisteuer zum Bau der Gotthardbahn 
seinen guten Willen bewiesen hatte, wurde die Stimmung 
ruhiger; Belgien und Holland fürchteten nicht mehr gleich 
stark für ihre Selbständigkeit; der König von Holland besuchte 
den Kaiser in Ems. Im skandinavischen Norden lehnte sich 
gegenüber dem alten Widerwillen Dänemarks Schweden immer 
fichtlicher an das Reich an; sein junger König Oskar konnte 
als Verehrer alles Deutschen gelten. Da aber, wo das An— 
sehen des Reiches nicht gewahrt wurde, schritt Bismarck mit 
unnachsichtiger Strenge ein, so namentlich in Spanien, wo er 
den deutschfeindlichen Karlisten, die im Juni 1874 einen 
deutschen Zeitungskorrespondenten erschossen hatten, zugunsten 
der Monarchie des bourbonischen Alfons XII. einen erbitterten 
Krieg machte. Es sind die Zeiten, in denen auch das Ansehen 
des deutschen Namens überhaupt im Auslande gewaltig wuchs, 
in der unsere Landsleute jenseits der Grenzpfähle sich wieder 
dauernd dieses Namens und der deutschen Heimat zu erinnern 
begannen.
	        
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