Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

610 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Deutlich getrübt erschien diese Lage zuerst in Vorgängen des 
Jahres 1875, die immer noch nicht völlig klar überschaut werden 
können. In Frankreich hatte man durch die Gesetze vom 28. Juli 
und vom 16. August 1872 die Armee endgültig reorganisiert 
und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt; das Heer war mit 
neuen Waffen, vornehmlich einer sehr guten Artillerie, versehen 
worden; an der Ostgrenze erhob sich ein wahrer Gebirgswall 
von modernsten Befestigungen; ein neuer militärischer Zustand 
begann sich, wenn auch keineswegs schon abgeschlossen, doch 
bereits in vielen seiner Konsequenzen geltend zu machen. Zudem 
waren jetzt die klerikal-monarchischen Wirren überstanden; nach 
ihnen aber hatte man sich an eine ausgedehnte Verfassungs⸗ 
gesetzgebung gemacht und war im Februar 1875 mit ihr im 
ganzen zu Ende gelangt: die heutige Verfassung der Republik 
war ihr Ergebnis. So schien Frankreich mit dem Laufe des 
Jahres 1875 in eine neue Periode seiner Entwicklung, und 
zweifelsohne eine aufsteigende zu gelangen. Im Deutschen 
Reich andererseits waren auf militärischem Gebiete alle Lücken, 
die der Krieg gerissen hatte, geschlossen; in jeder Hinsicht war 
man, nach Menschenmaterial wie technischer Ausrüstung, einem 
großen Kriege gewachsen. Und da machte nun der Große 
Generalstab, Moltke voran, geltend: einem nochmaligen Kampfe 
mit Frankreich werde man schwerlich entgehen; so sei es besser, 
selbst den Zeitpunkt hierfür möglichst günstig zu wählen, als 
seine Wahl den Franzosen zu überlassen: also müsse man los— 
schlagen. Diesen Ansichten entsprach denn der Hauptsache nach 
ein Artikel in der „Post“: „Ist der Krieg in Sicht?“, der am 
8. April 1875 die Welt alarmierte, und dessen Autorschaft auch 
heute noch nicht feststeht. 
Nun scheint sich schon im Herbst 1874 Fürst Bismarck den 
Anschauungen Moltkes ziemlich genähert zu haben. Aber er hatte 
beim Kaiser Widerstand gefunden: er wolle den Krieg mit Frank— 
reich nicht, dazu sei er zu alt, fürchte aber, Bismarck möchte ihn 
allmählich dazu drängen, hat der Kaiser um diese Zeit zum 
Fürsten Chlodwig Hohenlohe geäußert. In den ersten Monaten 
des Jahres 1875 aber stellten sich allerlei neue Anlässe zur Un—
	        
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