612 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Versuche um die Erhaltung des Friedens aber gab den deutsch—
russischen Beziehungen einen ersten Anstoß, und diesem folgten
dann immer weitere. Der Grund für sie lag bis zu einem
gewissen Grade gewiß in der Eifersucht des Fürsten Gortschakoff
auf den Fürsten Bismarck als den leitenden europäischen Diplo—
maten. Allein daneben kam doch noch mehr die langsame Ver—
schiebung der öffentlichen Meinung und der gesellschaftlichen
Anschauungen in Rußland in Betracht. Je mehr das Ruß—
land des 19. Jahrhunderts von der westeuropäischen Kultur
selbständig aufnahm, um so überflüssiger wurden die deutschen
Lehrmeister dieser Kultur, die sich, namentlich von den baltischen
Provinzen Rußlands her, fast wie eine Reihe hochgestellter und
hochbesoldeter geistiger Kolonisten über das Reich ergossen hatten.
Sie erschienen nun als Plage; man suchte sie abzustreifen, und
man begann bald gegen ihre vornehmste Heimat, die Ostsee⸗
provinzen, mit den Mitteln strenger Russifizierung vorzugehen.
Außerdem aber: je mehr man spontan zu höherer Kultur fort—
schritt, um so mehr hob sich das nationalslawische Gemein—⸗
gefühl. Und da diese Entwicklung mit dem geistigen Auf—
schwung auch anderer slawischer Völker, der Polen, Tschechen,
Slowenen, zusammenfiel, so entkeimte ihr der Gedanke des
Panslawismus. Wie aber hätte dieser, politisch gewendet,
Fühlung mit den Deutschen suchen können, den Unterdrückern
und Beherrschern so vieler slawischer Rassen? Naturgemäß
suchte er vielmehr einen Stützpunkt gegen sie, und er fand ihn in
Frankreich. Und so begann denn, politisch wie kulturell, jene
Kombination russischer und französischer Interessen empor—
zutauchen, die schon wiederholt, besonders stark schon zur Zeit
der französischen Revolution, auserwählte Geister länger be—
schäftigt hatte: nunmehr im Sinne eines zu verwirklichenden
engen nationalen Lebensbundes.
Während sich aber diese Ideen, längst gedacht, nur erst
langsam in Empfindung und Wirklichkeit umzusetzen begannen,
war Rußland im Begriff, ganz anderen, älteren Traditionen
folgend, noch einmal den alten Kreuzzug gegen die Türken zu
eröffnen.