Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 613 
Der Zustand der Türkei forderte zu einem solchen Vor⸗ 
gehen in hohem Grade auf. In den Jahren 1875 und 1876 
fanden, schwerlich ohne russische Einwirkung, Aufstände in 
Bulgarien und in der Herzegowina gegen die türkischen Be⸗ 
drücker statt, denen gegenüber die europäischen Mächte einmütig 
die Partei der christlichen Unterdrückten nahmen; in Konstanti⸗ 
nopel kam es von Juni bis Ende August 1876 zur gewalt⸗ 
samen Entthronung von zwei Sultanen. So glaubte Rußland 
mit Erfolg im Jahre 1877 gegen die Pforte vorgehen zu 
fönnen; und um sich den Rücken zu sichern, begann es schon 
weit früher Verhandlungen mit seinen westlichen Nachbarn, 
dem Deutschen Reiche und Ästerreich. 
Die ersten Schritte, die gegenüber Deutschland getan 
wurden, gehen wohl bis auf den Juni 1876 zurück; damals 
kam der Zar mit Kaiser Wilhelm in Ems zusammen. Indes 
der Kaiser hielt sich gegenüber den Fragen des Zaren, da er 
Bismarck nicht um sich hatte, so reserviert, daß der Zar zu 
keiner Klarheit gelangte. Ähnlich erging es dem Zaren aber 
auch mit Kaiser Franz Joseph, den er, nach Ems, in Reichs⸗ 
stadt aufsuchte. Es war augenscheinlich, daß man, zunächst in 
Berlin, deutlicher reden mußte. Und so veranlaßte nunmehr, 
im Herbst 1876, der Zar, gelegentlich einer Truppenbesichtigung 
in Livadia, den seiner Person attachierten preußischen General 
bon Werder, bei Bismarck telegraphisch anzufragen, ob Ruß⸗ 
land im Falle eines Krieges mit HOsterreich, wie er infolge 
eines Krieges mit der Türkei nicht unmöglich wäre, wohl auf 
die Neutralität des Deutschen Reiches rechnen könne? 
Bismarck hatte diese oder eine ähnliche Frage lange voraus- 
gesehen: nichtsdestoweniger war es ihm in hohem Grade schmerz⸗ 
lͤch, so vor die Wahl zwischen Osterreich und Rußland gestellt 
zu werden. Indes war er im Grunde schon für Osterreich 
entschieden. Und so ließ er, nach einigem Zögern, durch den 
deutschen Gesandten von Schweinitz in Petersburg ausführen: 
erste Pflicht Deutschlands sei, den Frieden zwischen den ersten 
kontinentalen Monarchien Europas zu erhalten; sollte es aber 
dennoch zu einem Waffengange zwischen Rußland und Osterreich
	        
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