Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Losung der Einheitsfrage. 615 
der drohenden Haltung Englands und auch Hsterreichs tatsächlich 
als notwendig herausstellte, den vorher in Aussicht genommenen 
Kongreß zu berufen. Denn schon am 16. Januar 1877 hatte 
England in Petersburg geltend gemacht, daß jeder künftige Ver⸗ 
trag zwischen Rußland und der Türkei, insofern er die Be— 
stimmungen der Verträge von 1856 und 1871 berühre, der 
Zustimmung der europäischen Großmächte als Teilnehmer an 
diesen Verträgen bedürfen werde. Und nicht minder hatte 
Hsterreich bereits früh die Notwendigkeit eines europäischen 
Kongresses betont: denn es wünschte von diesem ein Mandat zum 
Einrücken in die Herzegowina und Bosnien zu erhalten, ent⸗ 
sprechend den Januarabmachungen des Jahres 1876 mit Rußland. 
Für diesen Kongreß wurde als Sitz bald Berlin bestimmt: 
es war wie ein symbolischer Ausdruck für die Hegemonie über 
Europa, die das Deutsche Reich in diesen Zeiten besaß. Aber 
Bismarck hatte schon am 19. Februar 1878 in einer großen Rede 
m Reichstage erklärt, daß er diese Hegemonie nicht im ehe⸗ 
maligen napoleonischen Sinne, sondern nur als „ehrlicher 
Makler“ ausüben werde: noch immer suchte er für Deutschland 
die Stellung einer durchaus neutralen Macht aufrechtzuerhalten 
und lehnte deshalb auch das nochmals an ihn herantretende 
Anerbieten einer russischen Allianz zu Schutz und Trutz, das 
ihm sein Freund Schuwaloff vermittelte, zwar freundlich, aber 
unmißverständlich ab. 
Darüber war es Ende Mai 1878 geworden; am 18. Juni 
sollte der Kongreß beginnen: so blieb Rußland nichts übrig, 
als sich jetzt so gut wie möglich noch vorher mit England direkt 
zu verständigen; und in der Tat kam es zwischen Schuwaloff 
ind Salisbury zu einer Anzahl von Abmachungen noch vor 
dem Kongresse. 
Der Kongreß selbst wurde in Berlin punktlich am 183. Juni 
eröffnet, wenn auch noch einige der türkischen Teilnehmer fehlten. 
Schon in den ersten Sitzungen aber zeigte sich, daß vornehmlich 
wegen des Schicksals Bulgariens, das der Lage des Landes 
aach das dereinstige Schicksal Konstantinopels nahe berührte, 
zwischen England und Rußland noch die schwersten Meinungs—
	        
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