Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 617 
fragen des näheren Orients durch das Vordringen Osterreichs 
so weit gebrochen, daß er, dem russischen die Wage haltend, 
eine Teilnahme Deutschlands an der friedlichen, namentlich 
kommerziellen Entwicklung der Türkei nicht ausschloß. 
Und ließ man dann den Blick über die Grenzen des Reiches 
hinaus so schweifen, daß sich die Beurteilung der Lage auf den all⸗ 
gemeineren Standpunkt der mitteleuropäischen Geschicke verschob, 
so begannen schon langsam die Umrisse eines Bündnisses der 
großen drei mitteleuropäischen Mächte hervorzutreten: den 
Bildungskern hierfür gab das Verhältnis des Deutschen Reiches 
zu Österreich-Ungarn ab; Italien mußte sich diesem Kerne in dem 
Augenblick anschließen, da es bekannt wurde, daß seiner 
Isoliertheit infolge französischen Vorgehens der Verlust aller 
vermeintlichen Anwartschaft auf Tunis drohe. 
Im einzelnen erhielt die Entwicklung der nächsten Zukunft, 
wie zu erwarten war, ihren Anstoß von Rußland her. Übersah 
man hier wohl auch die Lage noch nicht als Ganzes und in 
allen ihren Konsequenzen, so schmerzte doch schon die Be— 
trachtung des Nächsten zur Genüge: wie Rußland durch den 
—R teilweise erreicht hatte, 
so sah es sich durch den Kongreß nun auch namentlich von den 
westlichen Slawen wenigstens teilweise abgedrängt. Die Er⸗ 
bitterung hierüber kam zunächst in einer heftigen Preßfehde 
gegen die deutsche Politik zum Ausdruck, während man schon 
die Wiederherstellung der Armee zu beeilen begann und, ein 
Zeichen der Beurteilung der Lage auch an höchster Stelle, der 
Graf Schuwaloff, der Leiter der russischen Politik auf dem 
Berliner Kongresse, in Ungnade fiel. 
Schwieriger wurde dann diese Lage auch schon im einzelnen 
durch die Entwicklung, die inzwischen Frankreich genommen 
hatte. Unsere Erzählung hat die französische Geschichte in 
einem Augenblick verlassen, da sich das Land stärker zu kon⸗ 
solidieren schien, Anfang des Jahres 1875: damals wurde, wie 
wir wissen, die Verfassung abgeschlossen und das Heer erhielt 
neue Cadres: froher sah man in die Zukunft. Noch günstiger, 
zugleich aber auch für Deutschland einstweilen ansprechender wurde 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 10
	        
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