Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

624 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Osterreich, daß nicht zum geringsten eben ihm die in diesem 
Falle schwer zu erreichende schließliche Willensänderung des 
Kaisers verdankt wurde. Und läßt sich nicht auch heute noch 
Bismarcks Entscheid als ein politischer Fehler ansehen? Es 
ist die Betrachtung, zu der z. B. die Franzosen, von ihrer ge⸗ 
schichtlichen Einschätzung des französisch-russischen Bündnisses 
her, geneigt sind. 
Der Historiker wird bei einer Meinungsäußerung von seiner 
Seite aus schwerlich einzelne Vorteile für das Für und Gegen 
der einen oder der anderen Lösung einführen. Er wird viel⸗ 
mehr das nun einmal Gewordene mit der Vergangenheit zu 
verknüpfen suchen und befriedigt sein, wenn eine solche Ver— 
knüpfung im Sinne einer organischen Verschweißung, einer 
Fortsetzung mithin großer Entwicklunastendenzen der Vergangen⸗ 
heit, gelingt. 
Die politische Geschichte Europas seit dem Aufkommen der 
großen Staaten der romanisch-germanischen Völkergruppe kann 
nach dem Hervortreten und dem jeweiligen politischen Über—⸗ 
—D— — 
periodisiert werden. Geht man auf diesen Gesichtspunkt ein, 
so würde man sagen, daß eine früheste Periode der politischen 
Geschichte der heutigen europäischen Völkerfamilie durch die 
Hegemonie des Westens gebildet wurde; vollendet prägte sie 
sich aus in dem Reiche Karls des Großen. Dem folgte dann, 
während des Mittelalters, die politische Führung vielmehr durch 
das europäische Zentrum südlich und nördlich der Alpen: das 
Deutsche Reich, später Heilige Römische Reich Deutscher Nation 
entstand mit seinen italienischen und provenzalisch-burgundischen 
Grenzen und mit seiner Ausdehnung bis nach Ungarn und bis 
zu den Sudeten; Frankreich und England traten an zweite 
Stelle, und es konnte die Rede davon sein, sie in ein Lehns— 
verhältnis zum Zentralreich zu zwingen. Allein die betrüb— 
lichsten Seiten der deutschen politischen Geschichte erzählen 
davon, wie nun auch diese Kombination wiederum verging. 
Versuche seiner föderalistischen Umbildung und dadurch inneren 
Neubelebung im 15. Jahrhundert, seiner Verbindung mit der
	        
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