Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

330 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Lapitel. 
Stande des Wirtschaftslebens der Unternehmung, den Arbeitern, 
so gut wie ganz verloren, wenn überhaupt irgendwie ein— 
gegangen wurde: so daß dessen politische Vertretung, die 
Sozialdemokratie, alsbald in den selbstverständlichsten Gegensatz 
zur evangelischen Kirche geriet. 
Es war das Ergebnis dieser Entwicklung, daß Konservativ 
und Orthodor, ja für viele selbst Protestantisch und Konservativ 
fast identische Begriffe wurden; das Einverständnis mit den 
ausgesprochen vorwärts drängenden und somit spezifisch im 
Sinne der Entwicklung schöpferischen Elementen der Nation 
wurde nicht hergestellt. 
Gänzlich anders hatte sich demgegenüber schon bis in die 
siebziger Jahre hinein die katholische Kirche entwickelt, indem 
sie von der liberalen Bewegung zu einer Entfaltung in demo— 
fratischer Richtung Gebrauch gemacht hatte. 
Gewiß war der Liberalismus zunächst politischer Aus— 
druck des Subjektivismus, also jener Selbständigkeit der 
Persönlichkeit in jeglicher, geistiger und sittlicher Hinsicht, die 
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Ergebnis 
tiefsten und weitgehendsten Fortschrittes zutage getreten war. 
Ließ sich da aber aus ihm, wenn er als allgemeines Lebens— 
drinzip gefaßt wurde, nicht auch die freieste Bewegung der 
unteren Klassen ableiten? Und war eine solche Ableitung 
aicht historische Notwendigkeit für eine Zeit, in der Politik 
noch keineswegs nach Interessen, sondern nach Grundsätzen ge⸗ 
trieben wurde? 
In diesen Zusammenhang ging die Entwicklung des 
Katholizismus bei den höchstkultivierten Völkern Europas und 
somit auch in Deutschland ein: ja hat sich ihn gründlichst zu— 
autze gemacht. Verfügte die katholische Kirche als die eminent 
historische Kirchenform des Christentums nicht eben über den 
Geist der Massen, jener untersten Kreise, die noch in dem 
Seelenleben des Mittelalters und damit in dem mehr oder 
minder festen Glauben an die Sicherheit des von ihr gelehrten 
Heilsweges verharrten? Und konnten nun nicht eben vermöge 
des liberalen Prinzipes jene Massen von der Kirche mobilisiert
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.