Ursprung. Verlauf und Ausgang des Rulturkampfs. 631
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werden? War ihre Lebensanschauung nicht auch eine, die
neben anderen Anschauungen jetzt als gleichberechtigt zu gelten
hatte? Freilich: ging die Kirche dieses Weges, so bedeutete
dies über kurz oder lang ihre fortschreitende Demokratisierung.
Aber war sie nicht ruhig mit in den Kauf zu nehmen? Konnten
doch daneben die alten aristokratischen Tendenzen des Klerus
und der höchsten führenden Laienkreise, wie es schien, sehr wohl
bestehen bleiben.
Eine solche Wendung lag auch, soweit der Begriff der
Demokratie politisch gefaßt wurde, keineswegs außerhalb der
Traditionen der Kirche. Denn nie hat der Katholizismus sich
einer bestimmten aristokratischen oder gar monarchischen
Regierungsform allein verschrieben; und gerade sein modernes
System wird einer politischen Demokratie mindestens ebenso
gerecht wie anderen Staatsformen. In diesem Sinne hat schon
Zellarmin eine förmliche Theorie vorgetragen: habe Gott dem
Papste die volle Gewalt auf Erden verliehen, so werde als
deren Inhaber, falls sie der Papst nicht haben sollte, am
ehesten noch die Gesamtheit aller und das heißt das Volk zu
denken sein.
Sozial aber war die Kirche in den Anfangszeiten ihrer
modernen Entwicklung der führenden Klassen zunächst noch
ebenso mächtig wie des noch millelalterlich gläubigen Volkes:
dafür sorgte das Fortleben der Romantik.
Aus dieser merkwürdigen Konstellation der aristokratischen
Romantik und des kirchlichen Massendemokratismus haben sich
aun zuerst in Frankreich die Lebensprinzipien des modernen
Klerikalismus entwickelt. Die Anfänge liegen dabei schon vor
der Julirevolution, und schöpferisch treten vor dieser bereits
Lamennais, Lamartine, Viktor Hugo hervor. Voll aber und
ohne den Zwang offiziellen Kirchentums entfaltete sich diese
Richtung doch erst nach 1830 und wurde nun in der Ver⸗
knüpfung eines falschen Liberalismus mit ostentativer Devotion
geradezu Modesache. In diesem Augenblicke spätestens fragte
es sich damit, was Rom und was der Jesuitismus zu dieser
eigenartigen Verbindung von kirchlichen und demokratischen An—