632 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
schauungen sagen würde, die sich immer mehr als tiefstes
Charakteristikum der neuen Strömung herausstellte.
Es war eine ähnliche Frage, wenn auch bei einem ganz
anderen Inhalte, wie sie Rom gegenüber schon einmal aus dem
Lande der ältesten Tochter der Kirche im 10. Jahrhundert, in
den Zeiten der Reform Clunys, gestellt worden war: ob man
geneigt sei, dem katholischen, von der Kurie gegängelten Christen—
tum einen neuen, nicht auf italienischem Boden erwachsenen
Kirchendienst und Frömmigkeitsgehalt einzuverleiben.
Rom verstand diese jüngste, die für das 19. Jahrhundert
bald klassische Mischung zunächst nicht; Gregor XVI. wies
1832 Lamennais ab und verdammte die Lehren der Haupt—
zeitung der neuen Richtung, des L'Avenir, über bürgerliche
Preß⸗ und Gewissensfreiheit. Aber darum wurde der Kleri—
kalismus von Rom doch nicht völlig aufgegeben. Man wußte
im Laufe der dreißiger Jahre die demokratische Seite der Be—
wegung mehr zu unterdrücken, insofern sie auf eine Theorie
hinausging, die der gesamten Kirche einen demokratischen Geist
gegeben hätte. Aber man ließ um so mehr eine gleichsam
extrem demokratische Theorie zu, nach der die Kirche alle die
Freiheiten zu genießen habe, die dem Programme des Libera—
lismus, den „Lehren des Zeitalters“ entnommen werden könnten.
Es kam heraus, was man nun etwa praktischen Klerikalismus
nennen konnte: eine Lehre, wie der Liberalismus zur Ent—
wicklung einer katholischen Demokratie zu benutzen sei; Führer
zu ihr und Verbreiter ihrer Ratschläge waren der Dominikaner⸗
pater Lacordaire, Graf Montalembert, der Abbé Dupanloup,
nachmals Bischof von Orleans, und der 1838 bekehrte Louis
Veuillot, später Herausgeber des „Univers“.
Die Bewegung in dieser Form aber blieb nun nicht
wirkungslose geistige Mode; sie gewann vielmehr den Hof und
die Gesetzgebung. Zunächst kehrten die Jesuiten nach Frankreich
zurück; schon 1848 hatten sie dreiundvierzig Anstalten in der
Hand, während die Stärke der sonstigen Orden so zunahm,
daß sich die Zahl der Männerklöster während der Juliregierung
verdoppelte, die der Nonnenklöster verdreifachte. Weiter hat