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Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.
Buch X.
aber schließlich zu dick und hart, um weitere Fortschritte zu gestatten,
die nur dann möglich sind, wenn Umstände eintreten, welche die freie
Erörterung einführen und so die für den Fortschritt unerläßliche Freiheit
und Beweglichkeit gestatten.
Diese Erklärung, welche Bagehot, wie er sagt, mit einigen Be
denken darbietet, geht —meines Erachtens —aus Rosten der allgemeinen
Theorie. Doch lohnt es nicht der Mühe, darüber zu reden, denn sie erklärt
offenbar die Tatsachen nicht.
Die Tendenz zur Verhärtung, von der Bagehot spricht, mußte
sich in einer sehr frühen Lntwicklungsperiode zeigen, und seine Bei
spiele davon sind fast alle dem wilden oder halbwilden Zustande ent
nommen. Jene ausgehaltenen Zivilisationen haben dagegen einen
langen Weg zurückgelegt, ehe sie zum Stillstand kamen. Es muß eine
Zeit gegeben haben, wo sie im Vergleich zum wilden Zustande sehr
weit voran und doch schöpferisch, frei und fortschreitend waren. Die
stillstehenden Zivilisationen hielten an einem Punkte an, welcher der
europäischen Zivilisation sagen wir des sechzehnten oder jedenfalls
des fünfzehnten Jahrhunderts kaum irgendwie nachstand und in vielen
Beziehungen höher war. Bis zu jenem Punkte muß somit anregende
Diskussion, Freude am Neuen und geistige Tätigkeit aller Art bestanden
haben. Sie hatten Baumeister, welche die Baukunst, natürlich durch
eine Reihe von Neuerungen und Verbesserungen, auf einen sehr hohen
Stand brachten; Schiffbauer, die auf gleiche Weise, durch Neuerung
auf Neuerung, schließlich ein ebenso gutes Schiff wie die Kriegsschiffe
Heinrichs VIII. herstellten; Erfinder, die bis dicht an den Rand unserer
wichtigsten Fortschritte gelangten und von deren einigen wir noch lernen
können; Ingenieure, die große Bewässerungswerke und schiffbare Kanäle
herstellten; wetteifernde philosophische Schulen und streitende Religions
begriffe. In Indien erstand eine große, in vielen Beziehungen dem
Lhristentum gleiche Religion, verdrängte die frühere Religion, ging auf
Lhina über, verbreitete sich über das ganze Reich und wurde aus ihren
alten Sitzen wieder verdrängt, gerade wie das Lhristentum aus seiner
wiege verdrängt ward. Da gab es Leben, und tätiges Leben und Neue
rungen, welche den Fortschritt erzeugen, lange nachdem die Menschen
gelernt hatten, zusammen zu leben. Und überdies haben sowohl Indien
als auch Lhina von erobernden Rassen mit verschiedenen Sitten und
Denkrichtungen neues Leben empfangen.
Die unbeweglichste und versteinertste aller uns bekannten Zivili
sationen war die Agyptiens, wo selbst die Kunst schließlich eine kon
ventionelle und unbewegliche Form annahm. Wir wissen jedoch, daß
dahinter eine Zeit des Lebens und der Kraft, eine sich neu entwickelnde
und verbreitende Zivilisation wie jetzt die unsere, bestanden haben muß,
denn sonst könnten die Künste und Wissenschaften nie auf eine so hohe
5tufe gelangt sein. Und neuerliche Ausgrabungen haben unter dem
uns bisher bekannten Ägypten ein noch früheres Ägypten ans Tages