Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

642 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
Vollendung, wie sie mit dem Vatikanum des Jahres 1870 ihre 
Höhe erreichte. — 
Pius IX. war im Jahre 1846 unter dem Jubel des 
Volkes auf den päpstlichen Stuhl erhoben worden. Er galt 
als liberal; im Gegensatz zu den geizigen Maßregeln seines 
Vorgängers, Gregors XVI., erwartete man von ihm die dringend 
nötige staatliche Reform des Kirchenstaates. In der Tat lenkte 
er in diese Bahn ein: der Welt bot sich das Schauspiel eines 
Papstes dar, der die inneren Verhältnisse seines Staates nach 
den Prinzipien des Liberalismus zu ordnen suchte. 
Dazu kam bald eine entschieden nationale Stellungnahme 
auch in der äußeren Politik, um das Maß der Begeisterung 
der römischen Bevölkerung zum Überfließen zu bringen. Der 
Papst trat den Osterreichern in Italien entgegen und schon 
erwartete man von ihm die künftige Einigung Italiens: am 
ersten Jahrestage seiner Erhebung schwamm Rom im Lichter— 
glanz. 
Allein bald kam der Rückschlag. Im Inneren wuchs die 
liberale Partei dem Papste über den Kopf. Nach außen zu 
mußte er einsehen lernen, daß die ersehnte Einheit Italiens 
im allgemeinen zunächst auf republikanischem Wege gesucht 
wurde. So kam es zu Reibereien, Zwist, schließlich offener 
Feindschaft mit den Liberalen. Noch vor Ende März 1848 
— D — 
Papst in jäher Flucht Ende November. Er ging nach Gaeta 
unter beständigem Protest gegen die römischen Vorgänge; erst 
im April 1850 kehrte er, nun unter dem Schutze der franzö— 
sischen Truppen, die Napoleon im April 1849 in die Stadt 
geworfen hatte, nach Rom zurück. 
Der leutselige, liebenswürdige Fürst war von seinen 
liberalen Träumen geheilt; an ihrer Stelle begannen die cäsaro⸗ 
papalen Eigenschaften seines Amtes hervorzutreten. Nicht als ob 
er sie bis dahin jemals verleugnet hätte. Aber er hatte geglaubt, 
es sei ihm möglich, in jedem Betrachte liberal und papal zu— 
gleich zu sein. Dies erwies sich jetzt als Irrtum; Pius sah ein, 
daß die Kirche den Liberalismus wohl benutzen, nicht aber sich
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.