Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

344 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
hundertzweiundneunzig Prälaten zu Rom die formale Zu— 
stimmung zu vollziehen: und Pius konnte am 8. Dezember 1854, 
seinem Marientage, nach einem feierlichen Hochamte in der 
Peterskirche dem Marienbilde ein diamantenes Diadem auf—⸗ 
setzen und die Bulle Ineffabilis Deus erlassen, in der er 
„kraft der Autorität Jesu Christi, der Apostel Petrus und 
Paulus und seiner eigenen“ der erstaunten, aber doch schon im 
wesentlichen gleichgültig bleibenden Welt das Dogma von der 
unbefleckten Empfängnis verkündete. 
Wie ein Lohn dieser Großtat an der Jungfrau erschien 
es dem Papste darauf, als das folgende Jahrfünft überall 
einen unerhörten Aufschwung der klerikalen Bewegung und des 
papalen Ansehens brachte: in Deutschland kam es zu dem uns 
schon bekannten österreichischen Konkordat“ und dann, auf 
energisches Zureden Osterreichs, zu den Konventionen mit 
Württemberg und Baden? sowie zu einem Kompromisse mit 
Hessen und auch mit Nassau: mit wie günstigem Winde hatte 
das Schifflein Petri die hohe See gewonnen. 
Da erfolgte mit Ausgang der fünfziger Jahre ein Rück 
schlag. Wie bald darauf in Deutschland, so geriet in Italien 
die nationale Einheitsbewegung in Fluß und bedrohte das 
Papsttum mit dem Verluste seines weltlichen Besitzes. Schon 
im Jahre 1859 entzog sich die Romagna der Herrschaft des 
Papstes; und am Schlusse des Jahres wurde von Paris aus 
in einer viel gelesenen Broschüre „Der Papst und der Kongreß“ 
ernstlich die Frage aufgeworfen, ob der Papst bei den Prinzipien 
seiner Kirche überhaupt ein weltlicher Herrscher des 19. Jahr⸗ 
hunderts sein könne. 
Es war der Vorbote eines Schreibens Napoleons III. an 
Pius vom 31. Dezember 1859, worin der Kaiser Verzicht auf 
die verlorenen Außenprovinzen forderte und dafür den Schutz 
der europäischen Großmächte für den Rest, das eigentliche 
Patrimonium Petri, in Aussicht stellte. Verzweifelt mußte sich 
1 S. oben S. 638 
2 S. oben S. 640.
	        
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