646 — Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
derbens gebracht: nur die katholische Kirche, nur der Papst
könne sie retten. Angehängt war dieser Enzyklika eine Zusammen⸗
fassung, ein Syllabus von achtzig namentlich aufgeführten
Irrlehren; er teilte sich in zehn Kapitel, und er handelte vom
Naturalismus und absoluten Rationalismus, vom gemäßigten
Rationalismus, vom Indifferentismus, vom Sozialismus samt
geheimen Verbindungen und Bibelgesellschaften, von den Irr—
lehren über die Kirche, über die bürgerliche Gesellschaft, die
Moral, die Ehe, die weltliche Gewalt des Papstes sowie von
den falschen Theorien des modernen Liberalismus.
Die Aufnahme der Enzyklika und des Syllabus war merk⸗
würdig. Die Protestanten blieben indifferent oder lachten; sie
sahen wohl, daß hier die ganze moderne Kultur von einer
mittelalterlichen Macht bedroht wurde, aber sie betrachteten
diese Macht noch immer als keine Gefahr für sie. Der katho—
lische Klerus suchte sich, in Anerkenntnis der Bedeutung der
päpstlichen Meinungsäußerung, mit dieser durch interpretatorische
Kompromisse irgendwelcher Art abzufinden. Ein fester Wider—
spruch aber erfolgte von keiner Seite, auch nicht, als der Papst
gelegentlich des Ausschreibens eines großen römischen Jubiläums
am 28. Februar 1865 Syllabus und Enzyklika nochmals als
Stimme Gottes bezeichnete und als ein Breve vom September
1863 die Freimaurer, die vornehmsten Träger der verdammten
Irrlehren, als eine „verworfene Gesellschaft“ brandmarkte.
Die Zeit war politisch zu bewegt, die drohende Auseinander⸗
setzung zwischen Osterreich und Preußen beherrschte schon die
öffentliche Aufmerksamkeit; man achtete nicht auf den Papst.
Freilich in welchem, dem Papsttum höchst ungünstigen Sinne
erfolgte dann 1866 diese Auseinandersetzung! Als der Kardinal⸗
staatssekretär Antonelli die Nachricht von der Schlacht von
Königgrätz vernahm, hat er Casca il mondo! gerufen. Der
Sieg Preußens war ein nicht geringerer Schlag, als die Ver—
wirklichung der italienischen Einheit. Denn nun erschien eine
allgemeine Führung der deutschen Geschicke durch protestantische
Hand nur noch als eine Frage der Zeit. Mit einem gewissen
Rechte hat daher Windthorst von seiner Betrachtungsweise aus