350 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
Allein die Dinge waren längst schon zu weit gediehen;
und Pius IX. selbst war von seiner Gottähnlichkeit mystisch
durchdrungen. Schon am 13. Juli war es zu der entscheidenden
Abstimmung gekommen, in der von sechshundertundein Vätern
bierhunderteinundfünfzig mit placet, achtundachtzig mit non
placet, zweiundsechzig mit placet iuxta modum gestimmt hatten,
während einundneunzig der Abstimmung durch Abwesenheit
ausgewichen waren. Jetzt, nachdem die opponierenden Bischöfe
am 17. Juli ihre Voten schriftlich erneuert, zugleich aber er—
klärt hatten, ihre Pietät gegen den heiligen Vater gestatte
ihnen nicht, in einer seine Person so nahe berührenden An⸗
gelegenheit öffentlich und in seiner Anwesenheit gegen ihn zu
stimmen, kam es am 18. Juli 1870 zum endgültigen Siege.
Von fünfhundertdreiunddreißig nunmehr anwesenden Vätern
stimmten nur zwei mit Nein: ein fast einstimmiges Votum er⸗
klärte den Papst als infallibel'. Darauf, unter dem ein—
brechenden Dunkel schwerer Gewitterwolken und dem Rollen
von Donnern, welche die Kuppel des Petersdomes erbeben
ließen, verlas der Papst mit matter Stimme die ihn unfehlbar
erklärende Bulle Pastor aeternus.
Am folgenden Tage erklärte Frankreich Preußen den Krieg,
der bald zum deutschen wurde, und in dessen Verlauf dem
Papsttum am 20. September 1870 der letzte Rest weltlicher
Herrschaft, das Patrimonium Vetri—. verloren ging.
Von nun ab sollte also als dogma divinitus revelatum gelten:
Romanum pontificem, cum ex cathedra loquitur, id est, cum omnium
Ohristianorum pastoris ac doctoris munere fungens pro suprema
sua apostolica auctoritate doctrinam de fide vel moribus ab universa
ecclesia tenendam definit, per assistentiam divinam, ipsi in beato
Petro promissam, ea infallibilitate pollere, qua divinus redemptor
ecclesiam suam in definienda doctrina de fide vel moribus instructam
esse voluit; ideoque eiusmodi Romani pontificis definitiones esse ex
gese, non autem ex consensu ecelesiaeé infallibiles.