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Die Geschichte der Kurie in den beiden letzten Jahrzehnten
hor dem Vatikanum war eigenartig genug verlaufen. Außerlich,
auf dem Gebiete der Politik, hatte sich Unglück an Unglück gereiht.
Gründe dieses Verfalls waren der Liberalismus und Nationalis⸗
mus, letzten Endes der Subjektivismus des Jahrhunderts gewesen:
das, was der Syllabus Naturalismus genannt hatte. Der
Liberalismus hatte die papale Regierung des Kirchenstaates
allmählich unmöglich gemacht. Der Nationalismus hatte zur
Einigung Italiens und Deutschlands geführt; Italiens Einigung
hatte den äußeren Bestand des Kirchenstaates zerstört; Deutsch—
lands Einigung vollzog sich unter Auseinandersetzungen mit
einem Osterreich, das infolge derselben auf längere Zeit der
Kurie untreu wurde, namentlich aber unter dem Übergang der
deutschen Führerrolle an das protestantische Preußen. Das alles
waren Ergebnisse, welche die Kurie mit Haß gegen den Liberalis⸗
mus im allgemeinen und insbesondere gegen den nationalen
Liberalismus in Italien und Preußen erfüllen mußten.
Andererseits aber hatte die Kurie in denselben Jahrzehnten
der Herrschaft über die Bischöfe, die ihr die Konkordate der
Restaurationszeit verschafft und die sie auf alle Weise, u. a.
selbst durch Wiederbelebung der Provinzialkonzilien, vermehrt
hatte, vermöge einer klugen Ausnutzung des Liberalismus die
derrschaft über die demokratischen Bestandteile der Kirche, den
iederen Klerus und die niedere Laienwelt hinzugefügt. Damit
war sie im Begriff, auf dem Boden ihrer geistlichen Gewalt
ebenso stark zu werden, wie sie auf dem Boden der territorialen
Herrschaft und der weltlichen Politik schwach geworden war.
Und Dogma der unbefleckten Empfängnis, Syllabus und
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