Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 655
hatte sich schon vor dem Konzil mit den Waffen schärffter und
gründlichster Gelehrsamkeit gegen die drohende Gefahr gewendet;
dann hatten schon am 285. August 1870 die bedeutendsten
Professoren der katholischen Theologie unter seiner Führung
eine Erklärung gegen die Infallibilität erlassen und die Ein—
berufung eines freien Konzils diesseits der Alpen gefordert;
jetzt nahm er, am 6. April 1871, eine Zustimmungsadresse der
Münchener Univerfsitätskollegen entgegen, in der die Beschlüsse
des Vatikanums ein „Werk der Gewalt“ genannt wurden: und
demonstrativ wurde er im August 1871 zum Rektor der Hoch—
schule gewählt.
Inzwischen hatte sich zur Opposition gegen das neue
Dogma in München ein Aktionskomitee gebildet; die besten
Namen der geistig bewegten Gesellschaft gehörten ihm an; König
Ludwig war ihm nicht abgeneigt; am 22. Juli 1871 hatte
ein Ministerwechsel stattgefunden, der den Justizminister Lutz
in den Vordergrund schob und ein Entgegenkommen gegenüber
dem Aktionskomitee bedeutete. Unter diesem günstigen Stern
schwoll die antivatikanische Bewegung immer mehr an; man
wollte bei der alten katholischen Kirche verbleiben und scheute
nicht den Vorwurf der Häresie und den Bann, wie er von
den papalen Bischöfen verhängt zu werden begann.
So erwuchsen die Voraussetzungen des Altkatholizismus.
Am 5. und 6. August 1871 fand unter dem Vorsitz des Juristen
Windscheid eine Vorversammlung von Altkatholiken geistlichen
und weltlichen Standes in Heidelberg statt, auf der die alt⸗
katholischen Strömungen von ganz Deutschland vertreten waren;
ihr folgte vom 22. bis 24. September ein allgemeiner Alt⸗
katholikenkongreß in München: man kam zum Entschlusse, gegen⸗
üͤber dem papalen Vorgehen der Bischöfe in die Bildung eigener
altkatholischer Gemeinden einzutreten.
Die folgenden Jahre brachten dann die Ausführung dieses
Vorhabens, nachdem sich alsbald die bayerische Regierung,
bald darauf auch die meisten anderen deutschen Regierungen
entgegenkommend gezeigt hatten; in der bayerischen Rheinpfalz
vornehmlich, im Badischen, in der Rheiuprovinz, aber auch im